Es war ein Golden-Retriever-Welpe. Zwölf Wochen alt, Riesenpfoten, Augen wie geschmolzene Schokolade. Er kam aus einer Zucht, die wirklich alles richtig macht. Impfpässe tadellos, Chip gesetzt, Elterntiere geröntgt und auf Erbkrankheiten untersucht. Die Züchterin hatte entwurmt. Mehrfach, nach Protokoll, mit dokumentierten Terminen.
Mein Mann George hat diesen Welpen zu uns geholt. Das war vor ungefähr fünf Jahren.
Was dann passierte, hat mich nicht wirklich überrascht. Ihn schon.
„Ich weiß, was das ist.“
George ist kein Mann, der bei medizinischen Fragen googeln muss. Er hat sich über Jahrzehnte ein Wissen aufgebaut, das weit über das hinausgeht, was man von einem Mediziner erwarten würde. Veterinärmedizin, Humanbiologie, Parasitologie: Es gibt Themen, bei denen ich ihm schlicht nicht erklären muss, was ich meine. Er weiß es bereits. Er arbeitete über 25 Jahre lang als Sachverständiger für forensische Anthropologie und viele meiner Patienten kennen ihn als einen Mann, der einfach alles weiß.
Als er eines Tages nach einem Toilettengang zu mir in die Praxis kam und mir mit vollkommen ruhiger Stimme sagte, dass er gerade Spulwürmer gesehen habe, war das also keine panische Vermutung. Es war eine Diagnose.
Und er hatte recht.
Er hatte sich Spulwürmer eingefangen. Von dem Welpen, der offiziell entwurmt war. Und obwohl er sich stets gründlich die Hände wusch, war es passiert. Das ist der Punkt, den viele Tierhalter nicht begreifen: Gründliche Hygiene hilft. Sie schützt aber nicht zuverlässig. Nicht gegen einen Parasiten, dessen Eier jahrelang in der Erde überleben und über Pfoten, Schuhsohlen und Spielzeug ins Haus getragen werden.
Was folgte, war keine Panik. Es war eine konsequente Behandlung beider. Welpe und Mensch. 3 Tabletten für George und eine Wurmkur für den Golden Retriever.
Der Kreislauf, den kein Tierhalter kennen will
Schauen wir uns an, was im Körper passiert. Der Hundespulwurm heißt Toxocara canis, sein Gegenstück bei der Katze Toxocara cati. Beide sind für den Menschen sogenannte Fehlwirte. Das bedeutet: Die Larven schlüpfen aus den Eiern im Darm, wandern aber nicht dorthin, wo sie im Hund oder in der Katze landen würden. Sie wandern. Irgendwohin. Durch die Darmwand, in die Blutbahn, weiter in die Leber, dann in die Lunge.
Dort richten sie Schäden an den Alveolenwänden an, den feinen Häutchen der Lungenbläschen. Der Körper reagiert mit Entzündung, mit Husten, manchmal mit Fieber. Wer Pech hat, bekommt ein sogenanntes Löffler-Syndrom, eine eosinophile Lungenentzündung, bei der das Immunsystem ausflippt, weil es schlicht nicht weiß, womit es es zu tun hat (Bethony et al., NEJM 2006).
Nach der Lungenphase, die zwei bis drei Wochen dauert, hustet man die Larven mit dem Bronchialschleim auf, schluckt sie wieder, sie landen im Darm und entwickeln sich dort zu geschlechtsreifen Würmern. Ein weiblicher Spulwurm legt täglich bis zu 200.000 Eier. Die verlassen den Körper mit dem Stuhl, entwickeln sich in der Erde, und wenn die nächste Person in Kontakt kommt: mit befallener Erde, mit Hundepfoten, mit Händen die ein Tier gestreichelt haben, beginnt der Zyklus neu.
Das Weibchen eines adulten Ascaris lumbricoides, des Menschenspulwurms, kann übrigens bis zu 40 Zentimeter lang werden. Ich sage das nicht, um Sie zu verstören. Ich sage das, damit Sie verstehen, warum ein Befund in der Toilette auch für jemanden mit medizinischem Hintergrund kein angenehmer Moment ist.
Was das mit Kindern der Siebziger zu tun hat
George ist Jahrgang 1970. Er hat Würmer als Kind nicht nur einmal gehabt. Damals war das in Deutschland nahezu normal. Wer in den Siebzigern aufgewachsen ist, wer im Sandkasten gespielt hat, wer Hund oder Katze hatte, der kannte das Prozedere. Die Tabletten, das peinliche Schweigen beim Kinderarzt, das kurze Gespräch zwischen den Eltern.
Hygiene, Medizin und Bewusstsein haben das deutlich zurückgedrängt. Aber verschwunden ist es nicht. In Europa zeigen Studien immer noch relevante Prävalenzraten bei Kindern, insbesondere in Haushalten mit Haustieren ohne regelmäßige Entwurmung (Overgaauw et al., Veterinary Parasitology 2009).
Das Infektionsrisiko ist schlicht da. Die Eier von Toxocara canis sind extrem widerstandsfähig. Sie überleben in der Erde bis zu mehreren Jahren, auch bei Frost, auch nach Regen. Sie werden an Pfoten hereingertragen. An Schuhsohlen. Auf Spielzeug, das im Garten lag.
Hände waschen hilft. Hilft aber nicht zuverlässig, wenn die Eier unter Fingernägeln sitzen. Das ist keine Schwarzmalerei. Das ist Parasitologie.
Warum Tierheilpraktiker hier gefährlich falsch liegen
Jetzt komme ich zu dem Teil, über den mich Kollegen immer wieder diskutieren hören. Ich sage das als Tierärztin, die auch versteht, warum Menschen alternative Heilmethoden attraktiv finden.
Es gibt eine ganze Industrie rund um das Thema „natürliche Entwurmung“. Kokosöl. Knoblauch. Schwarzkümmelöl. Pferdeschweifhaare, ja, das ist real, das wird tatsächlich empfohlen. Dazu kommen Tierheilpraktiker, die ihren Klienten erklären, dass Wurmkuren „Neurotoxine“ seien, „die Darmflora zerstören“ und das Immunsystem dauerhaft schädigen.
Das ist wissenschaftlich falsch. Vollständig und gefährlich falsch.
Anthelminthika wirken auf parasitäre Strukturen, die im Säugetierorganismus so nicht vorkommen. Mebendazol blockiert die Tubulinpolymerisation der Würmer, also Prozesse, die in menschlichen oder Hundezellen in dieser Form nicht stattfinden. Fenbendazol, Praziquantel, Pyrantel: Alle diese Substanzen haben umfangreiche Sicherheitsstudien durchlaufen, bevor sie zugelassen wurden.
Und nebenbei bemerkt: Die Darmflora besteht zu 99 Prozent aus Bakterien. Anthelminthika töten Würmer, keine Bakterien. Bakterien würden Antibiotika treffen. Es ist nicht dasselbe.
Die Behauptung, Wurmkuren zerstörten die Darmflora, ist biologisch in etwa so haltbar wie die Behauptung, ein Kuchenmesser schäle auch Kartoffeln. Mag sein, dass das Messer in der Küche liegt. Aber das macht es nicht zum richtigen Werkzeug.
Was wirklich nicht funktioniert, sind die „natürlichen“ Alternativen. Es gibt nicht eine einzige kontrollierte, peer-reviewed Studie, die zeigt, dass Kokosöl oder Knoblauch einen klinisch relevanten Effekt auf Endoparasiten bei Hunden oder Katzen hat. Nicht eine. Und Schwarzkümmelöl ist für Katzen sogar toxisch.
Ein Hund, der nicht entwurmt wurde. Und starb.
Ich habe vor einigen Monaten einen Hund behandelt, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Sein Besitzer hatte ihn nie entwurmt. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil er überzeugt war, dass das nicht nötig sei. Das Tier laufe viel, fresse gut, sei robust.
Was ich bei der Untersuchung feststellte, war ein schwerer Herzwurmbefall. Dirofilaria immitis: die adulten Würmer sitzen in den Herzvorhöfen und im Lungenkreislauf, bis zu 30 Zentimeter lang, direkt im Blutfluss. Das Herz wurde mechanisch belastet, die Lungengefäße waren vorgeschädigt. Sechs Monate später war der Hund tot.
Herzwürmer sind in Deutschland noch kein flächendeckendes Problem, aber sie kommen. Durch Klimaerwärmung, durch Reisen mit Tieren aus Südeuropa oder dem Mittelmeerraum, durch importierte Hunde. Wer mit einem nicht prophylaktisch behandelten Hund in die Türkei oder nach Kroatien fährt, bringt unter Umständen mehr mit als Sonnenbrand.
Lungenwürmer wie Angiostrongylus vasorum oder Crenosoma vulpis sind in Bayern bereits nachweislich präsent. Sie können bei unbehandelten Hunden zu Lungenschäden führen, die irreversibel sind, auch wenn der Hund die akute Phase überlebt (Koch & Willesen, Tierärztliche Praxis 2009).
Organschäden durch Parasiten entstehen nicht über Nacht. Sie entstehen schleichend. Bis man sie sieht, ist häufig zu viel passiert.
Toxoplasmen: Das ist dann wirklich eine andere Liga
Kommen wir zur Katze. Und zu einem Parasiten, der eine ganz andere Dimension hat.
Toxoplasma gondii ist ein einzelliger Parasit, der die Katze als einzigen Endwirt braucht. Nur im Katzendarm findet seine sexuelle Vermehrung statt. Die Oozysten, die mit dem Katzenkot in die Umwelt gelangen, sind innerhalb von zwei bis vier Tagen infektiös und können unter günstigen Bedingungen monatelang im Boden überleben (Robert-Koch-Institut, Ratgeber Toxoplasmose 2024).
In Deutschland trägt laut RKI etwa jeder zweite Erwachsene Antikörper gegen Toxoplasma gondii, was bedeutet: Er hatte zu irgendeinem Zeitpunkt eine Infektion. Bei den Über-50-Jährigen steigt diese Rate auf fast 70 Prozent.
Bei gesunden, immunkompetenten Menschen verläuft die Infektion meistens asymptomatisch oder wie ein leichter grippaler Infekt. Was danach passiert, ist das Entscheidende. Die Parasiten kapseln sich in Zysten ein, bevorzugt im Gehirn, in der Retina, in der Herzmuskulatur. Diese Zysten, die sogenannten Bradyzoiten, bleiben ein Leben lang im Körper. Man wird Toxoplasma gondii nach einer Infektion nicht mehr los. Es gibt keine Therapie, die diese Zysten aus dem Gehirn entfernt.
Für Immunsupprimierte, also Menschen mit HIV, Chemotherapie-Patienten, Organtransplantierte, kann eine Reaktivierung lebensbedrohlich werden. Toxoplasma-Enzephalitis ist die häufigste neurologische Komplikation bei HIV-positiven Patienten (Gelbe Liste, Toxoplasmose 2020).
Die Zysten im Gehirn, die Toxoplasma gondii hinterlässt, können im MRT oder CT ringförmige, kontrastmittelanreichernde Läsionen bilden. Bei immunsupprimierten Patienten werden solche Befunde regelmäßig mit Hirnmetastasen oder einem Glioblastom verwechselt. Patienten werden zur Neurochirurgie überwiesen, Biopsien werden geplant, bevor die korrekte Diagnose gestellt wird. Das ist nicht Science Fiction. Das ist Infektionsmedizin.
Ivermectin, Ängste und die Frage nach der richtigen Perspektive
Ich höre gelegentlich: Aber das Mittel ist doch so stark, das ist doch auch für den Menschen gefährlich.
Ivermectin gehört zu den Antiparasitika, die auch in der Humanmedizin zugelassen sind, zur Behandlung von Onchozerkose, Strongyloidose und anderen Parasitosen. Es steht auf der Liste der unentbehrlichen Medikamente der Weltgesundheitsorganisation. In einigen Ländern haben Menschen Ivermectin aus Tierbeständen zu sich genommen, in falschen Dosierungen, ohne medizinische Indikation. Das hat zu Vergiftungen geführt.
Das Problem war nicht das Medikament. Das Problem war die Dosierung ohne ärztliche Anleitung.
Ein korrekt dosiertes, zugelassenes Anthelminthikum, das einem Tier vom Tierarzt verschrieben wird, ist sicher. Das zeigen jahrzehntelange Anwendungsdaten. Und die Alternative, ein nicht entwurmtes Tier in einem Haushalt mit Kindern, mit älteren Menschen, mit Immunsupprimierten, ist keine risikoarme Alternative. Sie ist eine andere Art von Risiko. Nur die Konsequenzen treffen dann das falsche Lebewesen.
Mein Mann hat sich jetzt auch entwurmt. Kräftig.
Wir haben sechs Hunde. George assistiert mir in der Praxis, hält Tiere, hilft beim Untersuchungsablauf, fährt Equipment. Er hat täglichen Tierkontakt: mit unseren eigenen Hunden und mit den Tieren meiner Patienten.
Vor einigen Wochen hat er sich präventiv entwurmt. Mit einem Mittel, das in der Humanmedizin zugelassen ist, in der richtigen Dosierung, nach Rücksprache mit einem Arzt. Das ist kein Zeichen von Paranoia. Das ist vernünftige Risikoabwägung bei einem Menschen, der täglich Tierkontakt hat.
Ich tue das ebenfalls. Regelmäßig. Und rate das jedem, der intensiv mit Tieren arbeitet oder lebt, besonders wenn Kinder oder immungeschwächte Personen im Haushalt sind.
Die ESCCAP, die Europäische Fachgruppe für Parasiten bei Tieren, empfiehlt für Hunde und Katzen je nach Risikolage eine Entwurmung ein- bis viermal jährlich, für Tiere mit hohem Kontaktrisiko auch monatlich (ESCCAP-Leitlinie 01, Würmer beim Hund, 2021). Diese Empfehlung ist nicht von der Pharmaindustrie erfunden. Sie ist das Ergebnis parasitologischer Forschung, epidemiologischer Daten und realer Erkrankungsverläufe.
Ein Welpe aus einer seriösen Zucht, der nach Protokoll entwurmt wurde, kann trotzdem Eier ausscheiden, weil die Präpatenzzeit, also der Zeitraum zwischen Infektion und nachweisbarer Ausscheidung, bei Spulwürmern bis zu neun Wochen beträgt. In dieser Zeit scheidet das Tier keine Eier aus. Ein negativer Kotbefund beweist keine Wurmfreiheit. Ein positiver Befund beweist einen Befall, aber das Negative beweist nichts.
Das hat mein Mann an sich selbst erlebt. Und er ist jemand, dem man das eigentlich nicht zweimal erklären muss.
Der Tresor ist voll. Das ist gut so.
Wir bewahren Medikamente tatsächlich sicher auf. Nicht wegen der Hunde: Dollar, unsere zweijährige Labrador-Hündin mit diagnostischem Sockenfetisch, interessiert sich für Socken, nicht für Tabletten. Sondern weil Antiparasitika korrekt und kontrolliert eingesetzt werden sollten.
Das ist der Punkt, auf den ich hinauswill.
Entwurmung ist kein Zeichen dafür, dass Sie Ihrem Tier oder sich selbst schaden wollen. Es ist ein Zeichen dafür, dass Sie verstanden haben, wie Parasitologie funktioniert. Dass Würmer unsichtbar sind, bis sie es nicht mehr sind. Dass Organschäden entstehen, bevor Symptome auftreten. Dass eine Infektion, die beim gesunden Erwachsenen harmlos verläuft, für ein Kind, eine schwangere Frau oder einen immungeschwächten Menschen die Diagnose verändern kann.
Mein Mann sieht das heute genauso. Er hat das nie anders gesehen. Er hatte nur nicht damit gerechnet, es einmal am eigenen Körper zu erleben. Und das zu einer Zeit, in der wir ja praktisch alle als wurmfrei gelten.
Wenn Sie Fragen zur individuellen Entwurmung Ihres Tieres haben, welcher Wirkstoff, welches Intervall, welches Risikoprofil, kommen Sie auf mich zu. Als mobile Tierärztin im Landkreis Starnberg komme ich direkt zu Ihnen, wir schauen uns Ihren Vierbeiner gemeinsam an und besprechen in Ruhe, was sinnvoll ist. Was ein Hausbesuch beim Tierarzt für Ihr Tier bedeutet, habe ich hier ausführlich beschrieben. Meine Praxis befindet sich in der Enzianstraße 4a in Starnberg, und ich bin mobil im gesamten Landkreis unterwegs.
Wer nach diesem Beitrag mehr über Parasiten im Landkreis Starnberg wissen möchte: Im nächsten Artikel geht es um den Fuchsbandwurm Echinococcus multilocularis, der bei jedem zweiten Fuchs in dieser Region nachgewiesen wurde. Und warum monatliche Entwurmung bei Hunden mit Jagdtrieb keine Übervorsicht ist.
Und ich verspreche: Wir reden nicht darüber, was genau mein Mann in der Toilette gesehen hat. Das erspare ich Ihnen.