Es gibt Momente in der Praxis, die mich immer wieder berühren. Einer davon ist der Blick einer Hundebesitzerin, wenn ich sage: „Ich glaube, wir können den Zahn erhalten.“ Die Erleichterung ist spürbar. Denn eine Zahnextraktion fühlt sich für viele Tierhalter nach einer Niederlage an, nach einem Versagen, das sich hätte vermeiden lassen. Was mich dabei jedes Mal beschäftigt: In vielen Fällen ist diese Erleichterung berechtigt. Aber nicht immer. Und der Unterschied liegt fast ausnahmslos im Röntgenbild.

Zwanzig Jahre Umschwung: was sich in der veterinären Zahnmedizin verändert hat

Noch vor zwei Jahrzehnten war die Antwort auf fast jedes Zahnproblem beim Hund oder der Katze dieselbe: Zahn ziehen. Das war handhabbar, sicher, und im Zweifel auf der richtigen Seite. Heute denken wir differenzierter. Wir haben intraorales digitales Röntgen, wir kennen die Stadien der Zahnresorption, wir haben Kompositmaterialien und Bondingtechniken, die aus der Humanmedizin in die Veterinärzahnmedizin übertragen wurden. Kurz: Wir können jetzt eine Entscheidung treffen, statt nur eine Maßnahme auszuführen.

Ich bin überzeugt, dass ein erhaltener Zahn bei gleicher Prognose immer besser ist als ein fehlender. Nicht nur weil der Zahn kaut, sondern weil er die Kieferstatik stützt, den Gegenzahn in seiner Position hält und Teil des natürlichen Kauapparats ist. Diese Überzeugung treibt mich an, die Zahnerhaltung beim Tier ernsthaft zu betreiben, aber mit ehrlichem Blick auf die Grenzen.

Warum ohne Röntgen keine Diagnose möglich ist

Der sichtbare Teil des Zahns ist die Spitze des Eisbergs. Was über Erhalt oder Extraktion entscheidet, liegt tiefer: Wurzelzustand, Ausmaß des periapikalen Knochenabbaus, ob ein Abszess an der Wurzelspitze sitzt, wie weit eine Resorption fortgeschritten ist. Das alles ist mit dem bloßen Auge oder einer Sonde nicht erkennbar.

Wie wenig die klinische Untersuchung allein leisten kann, zeigt eine dänische Studie aus dem Jahr 2024 sehr klar: Bei 144 Katzengebissen erkannte die klinische Untersuchung ohne Röntgen nur 36 Prozent der tatsächlich vorhandenen Zahnresorptionen. Das dentale Röntgenbild kam auf 79 Prozent Sensitivität. Den Rest erfasste erst die Computertomographie (Eriksson et al., Journal of Small Animal Practice, 2024). Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer auf Röntgen verzichtet, übersieht bei Katzen in fast zwei Dritteln der Fälle eine vorhandene, oft schmerzhafte Läsion.

Kein Zahn sollte ohne vorheriges Röntgenbild extrahiert werden. Und kein Zahn sollte als erhaltbar eingestuft werden, bevor man weiß, wie seine Wurzel aussieht. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis ist es das noch immer nicht überall.

Wir arbeiten mit digitalen Dental-Röntgensystemen. Das System erlaubt direkte Auswertung am Bildschirm: vergrößern, kontrastanpassen, mit Ihnen gemeinsam besprechen. Wenn ich auf einem Bild erkläre, was zu sehen ist, versteht ein Tierhalter in den meisten Fällen sofort, warum eine Extraktion nötig ist, oder warum es noch nicht so weit ist.

FORL bei der Katze: das häufigste Zahnproblem, das Sie nicht sehen können

Für Katzen gibt es ein Zahnproblem, das besondere Aufmerksamkeit verdient: Feline Odontoclastic Resorptive Lesions, kurz FORL. Das sind Zahnsubstanzdefekte, bei denen körpereigene Zellen, sogenannte Odontoklasiten, die Zahnhartsubstanz von innen oder außen abbauen. Warum das passiert, ist bislang nicht vollständig verstanden. Die Häufigkeit ist beeindruckend: In verschiedenen Studien werden Prävalenzraten zwischen 25 und 75 Prozent bei erwachsenen Hauskatzen beschrieben, je nach Population und Diagnosemethode (Eriksson et al., Journal of Small Animal Practice, 2024).

Der entscheidende Punkt: FORL ist schmerzhaft, zeigt sich klinisch aber oft kaum. Katzen fressen weiter, manchmal zucken sie kurz zusammen wenn die Läsion berührt wird, manchmal nicht einmal das. Das Röntgenbild zeigt den Befund, den man von außen nicht sieht.

Die Behandlung richtet sich nach dem Stadium. Die WSAVA unterscheidet fünf Schweregrade auf Basis des Röntgenbilds (Niemiec et al., WSAVA Global Dental Guidelines, Journal of Small Animal Practice, 2020). In Stadium 1 und 2, also bei noch begrenztem Defekt ohne Beteiligung der Pulpa, kann eine restaurative Behandlung mit Komposit erwogen werden. Das verschließt die Läsion, schützt das freigelegte Dentin, verlangsamt das Voranschreiten. Ab Stadium 3, wenn die Pulpa erreicht ist, ist eine Extraktion oder Kronenamputation in der Regel die richtigere Entscheidung. Wer das ohne Röntgen beurteilt, tippt im Dunkeln.

Wann ein Zahn erhalten werden kann: die Kriterien

Die Frage, ob ein Zahn erhaltbar ist, beantwortet sich nicht nach dem äußeren Aussehen, sondern nach dem Röntgenbefund. Ein Zahn hat gute Chancen, wenn die Wurzel strukturell intakt ist, also keine oder nur minimale Resorptionszeichen zeigt. Wenn der Knochen um die Wurzel herum noch ausreichend erhalten ist. Wenn der Schaden auf die äußeren Zahnschichten beschränkt ist, Schmelz und Dentin, ohne dass die Pulpa, das innerste Gewebe mit Nerv und Blutgefäßen, freiliegt oder entzündet ist.

Echte Karies wie beim Menschen ist beim Hund selten und bei der Katze noch seltener. Häufiger begegnen mir Schmelzdefekte nach frühkindlichen Infektionskrankheiten, Zahnfrakturen durch harte Gegenstände, FORL-Läsionen bei Katzen, oder attritionsbedingte Abnutzung bei Hunden, die exzessiv kauen. All das kann restaurativ behandelt werden, wenn der Zahn noch eine tragfähige Grundstruktur hat.

Komposit-Füllungen beim Tier: Technik und Tücken

Komposite sind lichtgehärtete Kunststoffmaterialien, die seit Jahrzehnten in der Humanmedizin eingesetzt werden und in der Veterinärzahnmedizin zunehmend zum Standard gehören. Das Material wird schichtweise in die präparierte Kavität eingebracht, mit einem Haftvermittler, einem sogenannten Bonding, an der Zahnhartsubstanz verankert, und dann mit einer Polymerisationslampe ausgehärtet. Das Ergebnis ist eine feste, glatte Restauration, die den Zahn strukturell stabilisiert und vor Bakterieneintritt schützt.

Das Bonding funktioniert über ein mikromechanisches Prinzip: Die Zahnoberfläche wird mit Phosphorsäure geätzt, wodurch Mikroporositäten entstehen. Das flüssige Bonding infiltriert diese Poren und polymerisiert dort. Es entsteht eine sogenannte Hybridschicht, eine mechanische Verzahnung zwischen Kunststoff und Zahn (Dačić et al., Microscopy Research and Technique, 2016).

Beim Tier ist das anspruchsvoller als beim Menschen, aus einem spezifischen Grund: Feuchtigkeit. Das Dentinbonding reagiert sehr sensibel auf Wasserverschleppung. Ein zu feuchtes Dentin vermindert die Bondfestigkeit deutlich, ein zu trockenes Dentin schädigt die Kollagenfasern und verhindert die vollständige Adhäsion (Esteves et al., International Journal of Dentistry, 2022). Im Tiermaul ist permanente Trockenlegung nur unter Narkose erreichbar, mit absoluter Isolation durch Watterollen oder ein Kofferdam-ähnliches System. Das ist der Hauptgrund, warum eine Komposit-Restauration beim Tier nie ohne Narkose durchgeführt werden sollte, nicht nur wegen der Kooperation des Tieres, sondern weil die Trockenlegung eine handwerkliche Grundvoraussetzung für den Behandlungserfolg ist.

Vollnarkose oder Sedierung: was wann nötig ist

Das ist eine Frage, die mir regelmäßig gestellt wird. Die Antwort ist nuanciert.

Bei kurzen, überschaubaren Eingriffen an einem gut zugänglichen Zahn, etwa dem Verschließen einer kleinen oberflächlichen Kavität ohne tiefere Beteiligung, kann eine Initialnarkose mit Medetomidin und Ketamin ausreichen. Das Tier ist sediert, entspannt, empfindungslos. Der Eingriff dauert wenige Minuten, die Ausleitung geht entsprechend schnell. Ich setze diese Variante bei unkomplizierten Fällen bei grundsätzlich gesunden, jüngeren Tieren ein.

Bei umfangreicheren Maßnahmen, Zahnreinigung im gesamten Gebiss, mehrere Zähne gleichzeitig, tiefere Füllungen, Extraktionen, führe ich eine vollständige Inhalationsnarkose mit Isofluran durch. Das Tier wird nach der Einleitungsnarkose intubiert. Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Kapnographie und Körpertemperatur werden kontinuierlich überwacht. Das ist sicherster Standard und das Verfahren, das ich bei jedem Tier, das älter als etwa fünf Jahre ist oder Vorerkrankungen hat, bevorzuge.

Ein Blutbild vor der Narkose ist bei Tieren ab dem mittleren Lebensalter keine Bürokratie, sondern klinische Vernunft. Eine unentdeckte Niereninsuffizienz, ein grenzwertiger Hämatokrit, Gerinnungsveränderungen: Das alles ändert das Narkoseprotokoll. Wer das weiß, bevor er anfängt, arbeitet sicherer.

Wann der Zahn trotzdem raus muss

Es wäre unredlich, den Eindruck zu erwecken, man könne alles erhalten. Das geht nicht. Es gibt eindeutige Situationen, in denen eine Extraktion die fürsorlichere Entscheidung ist.

Ein Zahn muss heraus, wenn die Wurzel mehr als zur Hälfte durch Resorption oder Knochenabbau zerstört ist. Wenn ein apikaler Abszess, ein Eiterherd an der Wurzelspitze, sich im Knochen ausgebreitet hat. Wenn ein Zahn durch fortgeschrittene Parodontitis dauerhaft gelockert ist. Wenn eine Zahnfraktur bis tief in die Pulpa reicht und eine Wurzelkanalbehandlung nicht möglich oder nicht sinnvoll ist. Bei FORL-Läsionen ab Stadium 3 ist die Extraktion oder Kronenamputation in aller Regel die richtige Wahl.

In diesen Fällen ist die Extraktion keine Niederlage. Ein chronisch entzündeter, dauerhaft schmerzender Zahn belastet das Tier täglich. Nach einer Extraktion sieht man Hunden und Katzen die Erleichterung oft buchstäblich an: Sie fressen anders, bewegen sich freier, sind zugänglicher. Das ist kein Anekdotenbeweis, das ist klinische Beobachtung aus meinem Praxisalltag.

Was regelmäßige Zahnkontrollen bringen

Der beste Zahnschutz beginnt zu Hause. Tägliches Zähneputzen mit einer weichen Bürste und einer fluoridfreien, tiersicheren Zahncreme verlangsamt die Plaqueneubildung erheblich. Aber auch bei guter häuslicher Pflege kommt es früher oder später bei den meisten Tieren zu Ablagerungen und Zahnveränderungen.

Ich empfehle, das Gebiss Ihres Hundes oder Ihrer Katze ab dem dritten Lebensjahr einmal jährlich kontrollieren zu lassen. Bei kleinen Hunderassen, brachyzephalen Tieren und Katzen mit bekannter Neigung zu Zahnproblemen gern früher und häufiger. Im Rahmen eines Hausbesuchs nehme ich mir dafür Zeit: Ich schaue mir die Mundhöhle an, beurteile den Zahnzustand und sage Ihnen ehrlich, wann eine professionelle Reinigung oder eine genauere Röntgendiagnostik sinnvoll ist, und wann nicht.

Haben Sie Fragen zum Gebiss Ihres Tieres oder möchten Sie einen Termin zur Zahnkontrolle vereinbaren? Kontaktieren Sie mich gerne. Ich schaue es mir an und gebe Ihnen eine ehrliche Einschätzung.