Es gibt einen Moment bei Hausbesuchen, den ich inzwischen kommen sehe. Ich sitze am Küchentisch, der Hund liegt neben mir und lässt sich abtasten, jemand holt die Mappe mit dem Impfpass. Und dann, irgendwo zwischen Salzstreuer und Autoschlüssel, steht dieses kleine braune Röhrchen. Manchmal zwei. Manchmal eine ganze Reihe, sauber sortiert, mit Etiketten, auf denen Wörter stehen wie Arnica C30 oder Nux vomica D12.

Jahrelang habe ich dazu nichts gesagt. Ich habe genickt, weil die Menschen vor mir ihre Tiere lieben, und weil ich nicht diejenige sein wollte, die jemandem etwas wegnimmt, das ihn beruhigt.

Damit bin ich fertig. Nicht weil ich schlechte Laune hätte, sondern weil mir in den letzten Jahren zu oft Tiere vorgestellt wurden, bei denen nicht die Kügelchen das Problem waren, sondern die Wochen, die sie gekostet haben.

Was in einem C30-Globulus tatsächlich drin ist

Fangen wir mit der Rechnung an, damit niemand bis zum Schluss auf die Pointe warten muss. Homöopathische Mittel werden stufenweise verdünnt. Eine D-Potenz bedeutet je Schritt eine Verdünnung von 1 zu 10, eine C-Potenz je Schritt 1 zu 100. D12, eine der üblichen Potenzen aus dem Apothekenregal, ist also eine Verdünnung von 1 zu einer Billion. Klingt schon nach wenig. Es geht aber weiter.

C30 heißt, die Ausgangssubstanz wurde 30 Mal im Verhältnis 1 zu 100 verdünnt. Das ergibt eine Verdünnung von 10 hoch minus 60. Dagegen steht eine feste Naturkonstante, die Avogadro-Konstante, die angibt, wie viele Teilchen in einem Mol einer Substanz stecken, nämlich rund 6 mal 10 hoch 23. Sobald die Verdünnung diese Größenordnung überschreitet, und das passiert bereits um die zwölfte C-Potenz herum, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass in Ihrem Kügelchen noch ein einziges Molekül des Ausgangsstoffs sitzt, auf praktisch null. Bei C30 sind wir 36 Zehnerpotenzen jenseits dieser Grenze.

Das ist keine Meinung von mir. Das ist Multiplikation. Mit Multiplikation kann man nicht verhandeln.

Was übrig bleibt, ist der Träger, und der Träger ist Zucker. Streukügelchen bestehen im Kern aus Saccharose, also aus Rohrzucker, bei manchen Zubereitungen kommt Milchzucker dazu. Sie geben Ihrem Hund eine Zuckerperle, auf der irgendwann einmal ein Tropfen einer Flüssigkeit war, in der irgendwann einmal ein Molekül von irgendetwas gewesen sein könnte.

Ein Tropfen im Starnberger See

Exponenten rutschen durch den Kopf wie Wasser durch die Finger. Machen wir es also anschaulich, mit einem einzigen Tropfen als Maßeinheit. Ein Wassertropfen sind ungefähr 0,05 Milliliter. Ich gebe jetzt einen Tropfen Wirkstoff in eine Wassermenge, rühre gründlich um und schaue, welche Potenz dabei herauskommt.

Ein Tropfen in 50 Litern, also in einem ordentlichen Aquarium: Das ist eine D6. Die gibt es in jeder Apotheke, und immerhin ist da noch etwas drin.

Ein Tropfen in 50.000 Kubikmetern, das sind 20 olympische Schwimmbecken: eine D12. Auch die steht im Regal.

Und jetzt der See vor der Haustür. Der Starnberger See fasst 2,99 Milliarden Kubikmeter Wasser, in Tropfen umgerechnet etwa 60 Billiarden Stück, eine 6 mit 16 Nullen. Ich kippe einen einzigen Tropfen Arnika hinein und rühre in Gedanken alle 2,99 Milliarden Kubikmeter gleichmäßig durch. Was ich dann habe, ist eine knappe D17.

Eine knappe D17. Umgerechnet nicht einmal eine C9.

Der ganze See, 20 Kilometer lang, 128 Meter tief, Ludwig II. inklusive, und ich bin noch nicht einmal bei der Potenz angekommen, ab der die Homöopathie überhaupt erst interessant wird. Der Bodensee schafft eine D18. Sämtliches Wasser dieses Planeten, alle Ozeane, alle Gletscher, alles Grundwasser, 1,386 Milliarden Kubikkilometer, reicht für einen Tropfen gerade einmal für eine D25, also für eine gute C12.

Bei C12 verschwindet rechnerisch das letzte Molekül. Sie brauchen dafür etwa 17 Millionen Starnberger Seen, und der Planet hat gerade genug Wasser, um diese Schwelle knapp zu überschreiten.

Verkauft wird C30.

Für eine C30 bräuchte ich, ausgehend von meinem einen Tropfen, eine Wasserkugel mit einem Radius von rund 24 Lichtjahren. Sirius läge mitten drin. Und weil Sie im Regal daneben auch C200 kaufen können, hier die Rechnung dazu: Das ist eine Verdünnung von 10 hoch minus 400, also eine 1 mit 400 Nullen im Nenner. Das beobachtbare Universum hat ein Volumen von etwa 4 mal 10 hoch 80 Kubikmetern. Man bräuchte ungefähr 10 hoch 312 davon.

Es gibt kein Universum, das groß genug ist für Ihre Kügelchen. Das ist kein Gefühl. Das ist eine Division.

Was der Zucker kostet

Werfen wir noch einen Blick auf das Preisschild, denn die Apotheke ist zur Ehrlichkeit verpflichtet, ohne es zu merken. Auf jeder Packung steht der Grundpreis.

Eine handelsübliche Packung Arnica C30 mit 10 Gramm Streukügelchen kostet je nach Anbieter zwischen sieben und dreizehn Euro. Der ausgewiesene Grundpreis liegt damit zwischen rund 700 und 1.300 Euro pro Kilogramm. Die C200 kommt auf gut 2.000 Euro. Als einziger sonstiger Bestandteil steht auf der Packungsbeilage Sucrose, also Haushaltszucker.

Was ein Kilo Zucker im Supermarkt kostet, wissen Sie selbst.

Ich lasse das einfach so stehen.

Das Gedächtnis, das Wasser nicht hat

Die naheliegende Frage stellt sich jeder wache Mensch sofort. Wenn nichts drin ist, wie soll es dann wirken? Die Antwort der Homöopathie ist der elegante Teil der Geschichte. Nicht die Substanz wirke, sondern eine Information, die beim Verdünnen und beim rhythmischen Schlagen des Fläschchens auf den Träger übergehe. Das nennt sich Verschüttelung, und das Wasser habe demnach ein Gedächtnis.

Wasser hat kein Gedächtnis. Wassermoleküle ordnen sich im Bereich von Pikosekunden neu, sie vergessen jede Struktur schneller, als man das Wort Erinnerung zu Ende denken kann. Hätte Wasser ein Gedächtnis, dann trüge jeder Schluck aus Ihrem Hahn die Information sämtlicher Kläranlagen Oberbayerns in sich, und das wäre eine deutlich unangenehmere Vorstellung als jeder Durchfall.

Unsere Labrador-Hündin Dollar schüttelt jede erbeutete Socke etwa zwanzig Mal kräftig gegen den Küchenboden, bevor sie sie verschlingt. Nach homöopathischer Logik ist das eine tadellose Verschüttelung. Einen therapeutischen Effekt konnte ich bislang nicht feststellen. Verschwunden war die Socke trotzdem.

Denken wir die Regel einmal zu Ende, denn sie hält das nicht aus. Je verdünnter, desto stärker, sagt die Lehre. Wer also sein Mittel vergisst, hat es faktisch unendlich verdünnt und damit maximal potenziert. Streng genommen müsste man ihn auf die Intensivstation bringen. Und unser Leitungswasser, das über Jahrtausende durch Gestein, Flüsse und Wolken gelaufen ist und dabei mit so ziemlich allem Kontakt hatte, was dieser Planet zu bieten hat, wäre das mit Abstand stärkste Arzneimittel der Welt. Wir schütten es unseren Hunden literweise in den Napf.

Ihr Hund hat keinen Placeboeffekt. Sie schon.

Jetzt kommt der Punkt, an dem es in der Tiermedizin richtig interessant wird. In den üblichen Streitgesprächen über Homöopathie höre ich ihn praktisch nie.

Beim Menschen ist der Placeboeffekt real und gut belegt. Erwartung, Zuwendung, das Ritual der Einnahme, all das kann Schmerz dämpfen und das Befinden heben. Ein Hund weiß nichts von Erwartung. Ihm ist nicht bewusst, dass er gerade behandelt wird, er kennt den Preis des Mittels nicht, und er liest keine Packungsbeilage. Genau deshalb hört man ständig den Satz, bei Tieren könne es ja kein Placebo sein, also müsse die Wirkung echt sein.

Der Satz klingt gut. Er ist trotzdem falsch, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Der Placeboeffekt in der Tiermedizin sitzt nicht im Tier. Er sitzt in dem Menschen, der das Tier beurteilt. Es gibt dazu eine Arbeit, die jeder Tierarzt kennen sollte. Untersucht wurden 58 Hunde mit Lahmheit durch Arthrose, alle aus dem Placeboarm einer kontrollierten Studie, alle also mit einem Scheinpräparat behandelt. Parallel lief eine objektive Ganganalyse auf einer Kraftmessplatte, die schlicht misst, wie viel Gewicht ein Hund auf welches Bein bringt. Die Besitzer sahen bei 39,7 Prozent der Beurteilungen eine Besserung, obwohl sich messbar nichts geändert hatte. Und die Tierärzte, das ist der Teil, der wehtut, lagen mit 44,8 Prozent im Schritt, 44,8 Prozent im Trab und 43,1 Prozent bei der Schmerzpalpation noch darüber (Conzemius und Evans, Journal of the American Veterinary Medical Association, 2012).

Lesen Sie das bitte zweimal. Bei fast jeder zweiten Beurteilung sah ein Tierarzt eine Besserung, die es nicht gab. Ich schließe mich ausdrücklich ein. Wir sehen, was wir erwarten.

Ähnliches gilt sogar für ein Symptom, das man zählen kann. In einer Auswertung der drei bekannten placebokontrollierten Epilepsiestudien beim Hund zeigten 22 von 28 Tieren unter Placebo weniger Anfälle als vorher, bei 8 Tieren, also 29 Prozent, sank die Anfallsfrequenz sogar um die Hälfte oder mehr (Muñana, Zhang und Patterson, Journal of Veterinary Internal Medicine, 2010).

Zweitens: Ich muss meine eigene Aussage von oben nachschärfen, sonst wäre sie zu bequem. Tiere sind nicht völlig immun gegen erlernte Reaktionen. Konditionierung funktioniert bei ihnen sogar hervorragend, das weiß jeder, der einmal eine Dose geöffnet hat. Nur setzt eine konditionierte Reaktion voraus, dass irgendwann ein echter Wirkstoff im Spiel war, an den sich der Körper koppeln konnte. Bei einem Mittel, das nie einen Wirkstoff enthalten hat, gibt es nichts zu koppeln.

Dazu kommen zwei Mechanismen, die mit Placebo streng genommen gar nichts zu tun haben und trotzdem denselben Eindruck erzeugen. Der erste ist banal: Die meisten Beschwerden schwanken. Ein arthrotischer Hund hat gute und schlechte Wochen, ein Durchfall hört irgendwann von selbst auf, eine Zerrung heilt. Zum Tierarzt oder zum Röhrchen greift man am schlechtesten Tag. Von einem schlechtesten Tag aus geht es statistisch fast immer aufwärts, egal was man tut. Die Kügelchen kassieren dann den Applaus für eine Erholung, die ohnehin gekommen wäre.

Der zweite ist mir sogar sympathisch. Wer seinem Hund dreimal täglich etwas gibt, schaut dreimal täglich hin. Er beobachtet genauer, geht ruhiger spazieren, achtet auf das Futter. Das ist echte Verhaltensänderung, und die kann tatsächlich etwas bewirken. Nur kommt sie aus dem Menschen und nicht aus dem Zucker.

Was passiert, wenn man es sauber untersucht

Die ehrliche Version zuerst, weil die ehrliche Version stärker ist als die dramatische. Es gibt Studien zur Homöopathie beim Tier, die einen Vorteil gemeldet haben. Die gibt es wirklich, ich verschweige sie nicht.

Ausgerechnet die gründlichste systematische Aufarbeitung stammt von zwei Autoren, von denen einer beim britischen Homöopathieverband und der andere bei einer homöopathiefördernden Stiftung angestellt war, also von wirklich niemandem, den man als Gegner bezeichnen könnte. Von 18 auswertbaren randomisierten, placebokontrollierten Studien zur Tierhomöopathie hatten nur zwei ein so niedriges Verzerrungsrisiko, dass man ihnen überhaupt trauen kann, dass also ihr Aufbau das Ergebnis nicht schon vorgeprägt hat, und diese beiden ergaben widersprüchliche Ergebnisse. Das Fazit der Autoren war, dass sich daraus keine verallgemeinerbaren Aussagen zur Wirksamkeit irgendeines homöopathischen Mittels bei irgendeiner Erkrankung ableiten lassen (Mathie und Clausen, Veterinary Record, 2014). Die zweite Übersichtsarbeit derselben Gruppe, die Studien mit anderen Vergleichsgruppen als Placebo betrachtete, kam zu dem Schluss, dass diese Daten wegen ihrer schlechten Zuverlässigkeit keinen brauchbaren Einblick in die Wirksamkeit bei Tieren geben (Mathie und Clausen, BMC Veterinary Research, 2015).

Wenn die eigenen Leute nach jahrzehntelanger Forschung zwei brauchbare Studien mit gegenläufigem Ergebnis vorlegen, dann ist das kein unterdrücktes Wissen. Dann ist das ein Befund.

Der Rest der Fachwelt hat entsprechend nachgezogen. Eine ausführliche Gegenüberstellung von Tierarzneimitteln und Tierhomöopathie im Veterinary Record kam zu dem Ergebnis, dass die qualitativ besten klinischen Studien keine überzeugende Wirksamkeit zeigen konnten (Lees et al., Veterinary Record, 2017).

Die britische Tierärztekammer, das Royal College of Veterinary Surgeons, stellte 2017 in einem eigenen Positionspapier fest, dass die Homöopathie ohne anerkannte Evidenzbasis existiert und nicht auf soliden wissenschaftlichen Prinzipien beruht. Der wissenschaftliche Beirat der europäischen Akademien hielt im selben Jahr fest, dass es für den Einsatz in der Tiermedizin keine belastbare Evidenz gibt und dass es besonders bedenklich sei, wenn solche Produkte anstelle evidenzbasierter Arzneimittel gegen Infektionen bei Nutztieren eingesetzt werden (EASAC-Statement, 2017).

In der Humanmedizin sieht es nicht besser aus. Die große australische Auswertung sichtete 57 systematische Übersichtsarbeiten mit 176 Einzelstudien zu 61 Krankheitsbildern und fand keinen einzigen Gesundheitszustand, für den verlässliche Wirksamkeitsbelege vorliegen (NHMRC, 2015). Homöopathieverbände bestreiten die Methodik dieses Berichts bis heute. Das ändert am Gesamtbild nichts, weil sich das Gesamtbild aus vielen unabhängigen Quellen zusammensetzt und immer denselben Punkt trifft.

Wo bei mir der Spaß aufhört

Bis hierhin ist die Sache vor allem teuer und ein bisschen albern. Zucker schadet einem Hund in dieser Menge nicht. Wenn Dollar das ganze Röhrchen erwischt, und zutrauen würde ich es ihr, rufe ich nicht den Giftnotruf an. Ich rufe niemanden an. Eine Überdosis Nichts bleibt nichts. Das Kügelchen selbst ist harmlos, und das sage ich ohne Ironie.

Gefährlich ist nicht der Inhalt. Gefährlich ist die Zeit.

Ein Kater mit verlegter Harnröhre hat keine Wochen. Er hat Stunden bis wenige Tage, dann steigt sein Kalium so weit, dass das Herz stehen bleibt. Eine Hündin mit Gebärmuttervereiterung wird ohne Eingriff nicht von selbst gesund, sie wird septisch, und bei geschlossenem Muttermund geht das schnell. Bei einer Magendrehung entscheidet über den Ausgang manchmal eine einzige Stunde. Ein Parvo-Welpe stirbt am Flüssigkeitsverlust und an dem, was aus seinem zerstörten Darm ins Blut übertritt, während sein Besitzer noch im Repertorium blättert, dem homöopathischen Nachschlagewerk.

In all diesen Situationen ist das Röhrchen nicht das Problem. Das Problem ist der Anruf, der drei Tage später kommt.

Und jetzt der Unterschied, der mich an der Tierhomöopathie mehr stört als an der Humanhomöopathie. Ein erwachsener Mensch darf sich für Zucker entscheiden. Das ist seine Sache, es ist sein Körper, und ich habe das zu respektieren. Ein Tier trifft diese Entscheidung nicht. Es kann nicht sagen, dass es nicht wirkt. Es kann nicht aufstehen und gehen. Es liegt da und wartet darauf, dass der Mensch, dem es vertraut, die richtige Entscheidung trifft.

Das Tierschutzgesetz formuliert das nüchterner als ich. Wer ein Tier hält, muss es seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen, so steht es in § 2 TierSchG, und dazu gehört die tierärztliche Versorgung, wenn sie nötig ist. Und wer einem Wirbeltier länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt, macht sich nach § 17 Nummer 2 Buchstabe b TierSchG strafbar. Ob eine über Wochen verschleppte Behandlung mit Globuli diesen Tatbestand erfüllt, entscheiden im Zweifel Gerichte, und ein Urteil, das genau diese Konstellation trifft, ist mir nicht bekannt. Ich führe den Paragraphen nicht als Drohung an. Ich führe ihn an, damit klar ist, in welcher Größenordnung sich diese Frage bewegt.

Und dann bevorzugt die EU die Kügelchen auch noch

An dieser Stelle wird es endgültig grotesk, und ich habe es selbst dreimal nachgelesen, weil ich es nicht glauben wollte.

Für die ökologische Tierhaltung gilt die EU-Öko-Verordnung. Im Abschnitt zur tierärztlichen Behandlung steht dort, dass phytotherapeutische und homöopathische Präparate chemisch-synthetischen allopathischen Tierarzneimitteln, einschließlich Antibiotika, vorzuziehen sind, sofern ihre therapeutische Wirkung bei der betreffenden Tierart und der zu behandelnden Krankheit gewährleistet ist (Verordnung (EU) 2018/848, Anhang II Teil II, Abschnitt 1.5.2). Für Ihren Hund gilt das nicht, für die Kuh im Biostall schon. Der Nachsatz mit der gewährleisteten Wirkung ist juristisch die Rettungsleine und praktisch ein Feigenblatt, denn wer entscheidet das im Stall um halb elf abends?

Dazu passt, wie diese Mittel überhaupt auf den Markt kommen. Homöopathische Tierarzneimittel werden in der EU nicht zugelassen, sondern in einem vereinfachten Verfahren registriert. Voraussetzung ist unter anderem, dass der Verdünnungsgrad die Unbedenklichkeit garantiert und dass keine therapeutische Indikation angegeben wird (Artikel 86 der Verordnung (EU) 2019/6). Geprüft werden pharmazeutische Qualität und Unbedenklichkeit. Ob das Mittel wirkt, prüft niemand, weil niemand es prüfen muss.

Wie das in der Praxis aussieht, können Sie auf jeder solchen Packungsbeilage nachlesen. Unter der Überschrift Anwendungsgebiete steht dann kein Anwendungsgebiet, sondern dieser Satz: „Registriertes homöopathisches Arzneimittel, daher ohne Angabe einer therapeutischen Indikation.“ Ein Mittel, das offiziell für nichts ist, aber trotzdem Arzneimittel heißen darf.

Bei den Nosoden, also potenzierten Präparaten aus Krankheitsmaterial, die manche als Impfersatz anbieten, hört bei mir jede Diskussionsbereitschaft auf. In der einzigen kontrollierten Belastungsstudie dazu schützte eine Parvovirose-Nosode die Welpen nicht (Wynn, Journal of the American Veterinary Medical Association, 1998), und auch die aktuellen WSAVA-Impfleitlinien halten fest, dass Nosoden in den vorliegenden Publikationen keine Wirksamkeit zeigen (WSAVA Vaccination Guidelines, 2024). Mehr habe ich dazu an anderer Stelle geschrieben.

Was ich ausdrücklich verteidige

Damit hier niemand das Falsche mitnimmt, ziehe ich die Linie so scharf, wie ich kann. Ich schieße nicht auf die Naturheilkunde. Ich schieße auf das Nichts, das sich ihr Etikett ausleiht.

Pflanzen sind eine der besten Apotheken, die wir haben, und das ist keine Romantik, sondern Pharmakologie. Aus dem Fingerhut kommen die Herzglykoside, mit denen die Medizin seit Generationen behandelt, und der Fingerhut ist gleichzeitig eine Giftpflanze mit einer therapeutischen Breite, bei der man jede Dosis nachrechnet. Die Herzglykoside sind in der Kleintiermedizin heute weitgehend von moderneren Substanzen abgelöst, und auch das ist ein Unterschied: Echte Medizin wird ersetzt, sobald etwas Besseres da ist. Satoshi Omura und William Campbell holten aus einem Bodenbakterium das Avermectin, aus dem das Ivermectin wurde, ohne das ich Räude und einen Großteil der Endoparasiten deutlich mühsamer behandeln würde. Die beiden bekamen dafür 2015 den Nobelpreis für Medizin, gemeinsam mit Youyou Tu, die das Artemisinin aus dem einjährigen Beifuß holte.

Sehen Sie den Unterschied? In all diesen Fällen steckt ein Molekül in der Pflanze oder im Bakterium. Man kann es messen, isolieren, dosieren. Und weil es wirkt, kann es auch schaden, weshalb ich bei einem Collie mit MDR1-Defekt sehr genau überlege, was ich ihm gebe. Genau das ist das Kennzeichen echter Medizin. Wirkstoff, Dosis, Wirkung, Risiko. Das Globulus hat von alledem nichts, und sein einziger ehrlicher Vorteil ist, dass in Zucker eben auch nichts steckt, das schaden könnte.

Der Punkt, an dem die Homöopathen recht haben

Einen Punkt gebe ich ihnen, und zwar ohne Zähneknirschen.

Wer zu einem homöopathisch arbeitenden Behandler geht, bekommt Zeit. Manchmal eine Stunde, manchmal mehr. Es wird zugehört, es wird nach dem ganzen Tier gefragt, nach Schlaf, Futter, Charakter, Veränderungen im Haushalt. Menschen kommen aus diesen Terminen heraus und fühlen sich ernst genommen, und das ist nicht nichts. Das ist etwas, das die konventionelle Tiermedizin in einem vollen Wartezimmer mit Zwölf-Minuten-Takt oft nicht liefert.

Die Antwort darauf kann nur nicht sein, dass wir das Feld denen überlassen, die Zeit haben und sonst nichts. Die Antwort ist, dass wir uns die Zeit nehmen. Genau deshalb fahre ich zu Ihnen nach Hause. In Ihrer Küche kann ein Termin dauern, solange er dauern muss, der Hund muss nicht in ein fremdes Wartezimmer, und ich sehe nebenbei, wo er schläft, was im Napf liegt und wie er die Treppe nimmt. Das ist die systemische Betrachtung, die alle immer meinen. Sie funktioniert nur besser mit einem Stethoskop als mit einem Pendel.

Wenn Sie also ein Röhrchen im Küchenschrank stehen haben, werfen Sie es meinetwegen nicht weg. Es schadet Ihrem Hund nicht. Nur bitte, wenn Ihr Tier wirklich krank ist, greifen Sie zum Telefon und nicht zum Zucker.