Ich sitze auf dem Boden.

Neben mir ein Beagle, sieben Jahre alt, der vor vierzig Minuten noch auf dem Tisch lag. Jetzt liegt er auf einer Decke, atmet ruhig, hat einen Schlauch in der Luftröhre und keine Ahnung davon. Meine Hand liegt auf seinem Brustkorb, und ich tue, von außen betrachtet, nichts.

Genau das ist der Teil meiner Arbeit, den nie jemand sieht.

Beim Abholen werde ich später gefragt, und ich werde immer gefragt: „Und, ist alles gut gelaufen?“ Gemeint ist die Operation. Ob der Schnitt sauber war, ob es Komplikationen gab, ob alles so lief wie besprochen. Das ist eine berechtigte Frage, und meistens beantworte ich sie mit einem Satz.

Nur ist es nicht die Frage, die ich mir stelle. Meine liegt eine Stunde später.

Was die Zahlen sagen

Dazu gibt es eine ungewöhnlich gute Datengrundlage. Eine britische Untersuchung namens CEPSAF hat über zwei Jahre 98.036 Hunde und 79.178 Katzen erfasst, die anästhesiert oder sediert wurden, und ausgewertet, wie viele davon innerhalb von 48 Stunden starben. Und vor allem: wann.

Das Ergebnis, das mich beim ersten Lesen am meisten überrascht hat: 47 Prozent der narkosebedingten Todesfälle beim Hund und 61 Prozent bei der Katze traten nicht während des Eingriffs auf, sondern danach (Brodbelt et al., Veterinary Anaesthesia and Analgesia, 2008).

Nicht beim Einschlafen. Nicht beim Schneiden. Danach.

Bevor Sie jetzt den nächsten Termin absagen, die zweite Zahl aus derselben Arbeit: Bei einem gesunden Hund lag das Risiko, an einer Narkose zu sterben, bei 0,05 Prozent, das ist einer von 1849. Bei der gesunden Katze waren es 0,11 Prozent, also einer von 895.

Über genau diese Zahl spreche ich vor jeder Operation, und zwar ausdrücklich. Nicht, weil ich müsste, sondern weil einer von 1849 kein Nichts ist. Es ist eine kleine Zahl, und hinter ihr steht trotzdem ein Tier.

Die Autoren ziehen aus ihren Daten eine einzige Empfehlung, und sie steht wörtlich in der Arbeit: Eine bessere Betreuung in der Phase nach dem Eingriff könnte Todesfälle verhindern. Wie diese Betreuung aussieht, sagt die Studie nicht. Was ich daraus für meine Arbeit abgeleitet habe, steht in diesem Text.

Warum ausgerechnet danach

Das ist weniger geheimnisvoll, als es klingt.

Während der Operation ist ein Tier so gut überwacht wie sonst nie in seinem Leben. Es hat einen Beatmungsschlauch in der Luftröhre, atmet reinen Sauerstoff, hängt am Narkosegerät. Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Kohlendioxid, Blutdruck und Temperatur laufen über einen Monitor. Und es liegt buchstäblich unter den Augen von zwei Menschen, die nichts anderes tun.

Dann ist die Naht fertig. Der Verdampfer geht auf null, das Monitoring wird abgebaut, irgendwann kommt der Schlauch heraus, und das Tier liegt auf einer Decke.

In diesem Moment fällt die Anspannung ab. Der schwierige Teil gilt als erledigt. Ich kenne dieses Gefühl gut, und genau deshalb habe ich mir angewöhnt, ihm nicht zu trauen.

Physiologisch ist an dieser Stelle nämlich noch gar nichts vorbei.

Was in dieser Stunde passieren kann

Ein Tier, das noch nicht wach genug ist, kann seine Atemwege nicht schützen. Es kann erbrechen und den Mageninhalt einatmen, und eine Lungenentzündung durch eingeatmeten Mageninhalt gehört zu den unangenehmsten Komplikationen, die ich kenne. Der Zungengrund kann nach hinten sacken und die Luftwege verlegen, was bei kurznasigen Rassen besonders schnell geht.

Die Körpertemperatur fällt unter Narkose regelmäßig ab. Die Muskulatur ist entspannt, die Gefäße sind weit gestellt, und der Körper verliert Wärme über die offene Wunde und über kalte Atemgase. Ein unterkühltes Tier wacht nicht nur langsamer auf. Es atmet träger, sein Kreislauf arbeitet träger, und es bleibt damit länger in genau der Phase, die dieser Text behandelt.

Manche Medikamente wirken außerdem länger als die Narkose selbst. Sie dämpfen die Atmung noch, wenn der Sauerstoff längst abgestellt ist.

Das alles sind Zustände, die man in Sekunden bemerkt, wenn jemand danebensitzt. Und die man gar nicht bemerkt, wenn niemand hinsieht.

Wärme, und warum sie vorher kommt

Gegen die Auskühlung arbeite ich von der ersten Minute an. Meine Patienten liegen während des gesamten Eingriffs auf einer Heizmatte, nicht erst dann, wenn die Temperatur schon gefallen ist.

Der Grund ist unspektakulär und wichtig: Auskühlen geht schnell, Aufwärmen dauert. Ein Tier, das erst einmal zwei Grad verloren hat, holt sie in einer Stunde nicht wieder auf, und diese Stunde verbringt es dann in der Zone, in der die Statistik von oben ihre Zahlen einsammelt.

Nebenbei ist die Heizmatte der einzige Teil dieser ganzen Veranstaltung, für den sich meine Patienten vermutlich freiwillig noch einmal melden würden.

Der Schlauch, über den kaum jemand nachdenkt

Der Beatmungsschlauch, im Fachjargon Tubus, hat zwei Aufgaben. Er bringt Sauerstoff und Narkosegas dorthin, wo sie hin sollen, und er dichtet die Luftröhre gegen alles ab, was von oben kommen könnte. Dafür sitzt an seinem hinteren Ende eine kleine aufblasbare Manschette, die aufgeblasen wird, sobald der Schlauch liegt.

Solange dieser Schlauch liegt und die Manschette gefüllt ist, kann ein Tier weder ersticken noch etwas einatmen. Er ist die einzige Sicherheit in dieser ganzen Phase, die vollkommen unabhängig davon funktioniert, wie tief der Patient gerade schläft.

Und deshalb hat er es bei mir nicht eilig.

Der fachliche Zeitpunkt zum Ziehen ist nicht das vollständige Erwachen, sondern der Moment, in dem das Tier zum ersten Mal kräftig schluckt. Wer schluckt, kontrolliert seine Atemwege wieder selbst und braucht den Schlauch nicht mehr. Bei kurznasigen Rassen warte ich bewusst länger, weil diese Hunde ihre Atemwege beim Aufwachen leicht verlegen und den Tubus manchmal noch brauchen, wenn sie längst aufrecht sitzen.

Vor dem Ziehen muss die Luft aus der Manschette heraus. Wer einen gefüllten Ballon durch Kehlkopf und Luftröhre schleift, verletzt Schleimhaut. Entleert wird die Manschette deshalb, sobald das Tier verlässlich selbst atmet und die Beatmung beendet ist. Vorher geht es nicht, weil die Luft sonst am Schlauch vorbei entweicht und die Beatmung ins Leere läuft.

Wie schiefgehen kann, was scheinbar harmlos ist, zeigt ein publizierter Fall. Ein Labrador wachte nach einer Routineoperation sehr schnell auf, biss den Tubus durch und atmete das abgetrennte hintere Stück ein. Der Hund musste erneut in Narkose gelegt werden, und das Fragment wurde endoskopisch aus der Luftröhre geholt (Bennell et al., Veterinary Record Case Reports, 2021). Er hat das gut überstanden. Aus einer Routineoperation wurde trotzdem eine Bronchoskopie.

Ein Silikonschlauch zwischen den Backenzähnen eines erwachenden Hundes ist eben genau das: ein Silikonschlauch zwischen den Backenzähnen eines erwachenden Hundes. Wer das zu Ende denkt, kommt zu einer von zwei Antworten. Entweder liegt ein Beißschutz zwischen den Zähnen, oder der Schlauch ist draußen, bevor das Tier so weit ist.

Der Zugang, den man legt, solange man ihn nicht braucht

Dasselbe Prinzip gilt für den Venenkatheter, über den die Narkose eingeleitet wurde. Der bleibt bei mir liegen, bis das Tier sicher wach ist.

Der Grund ist derselbe wie beim Tubus: Wenn ich ihn brauche, brauche ich ihn in derselben Sekunde. Bei einem Tier, dessen Kreislauf einbricht, zentralisiert der Körper das Blut auf die lebenswichtigen Organe. Die Venen an den Beinen fallen zusammen, und dann suche ich an einem Bein herum, an dem ich zwanzig Minuten vorher blind getroffen hätte.

Einen Zugang legt man, solange man ihn nicht braucht. Das ist der ganze Trick daran.

Kurve oder Schalter

Jetzt zu dem Teil, der erklärt, warum das Aufwachen manchmal ganz anders verläuft, als man es erwartet.

Bei einer reinen Inhalationsnarkose, bei der das Tier das Narkosemittel über die Atemluft aufnimmt, bei mir Isofluran, sinkt die Wirkstoffkonzentration nach dem Abstellen langsam ab. Deshalb läuft das Aufwachen in einer verlässlichen Reihenfolge. Erst zuckt etwas, dann kommen die Reflexe zurück, dann schluckt das Tier, dann hebt es den Kopf. Man sieht es kommen.

Nur arbeite ich nicht mit dem Gas allein, und das hat gute Gründe.

Am Anfang steht eine Vorbereitungsspritze mit zwei Bestandteilen, einem Mittel, das müde macht, und einem gegen den Schmerz. Danach folgt die Einleitung mit einer kleinen Menge Propofol über den Venenzugang, gerade so viel, dass ich sicher intubieren kann. Erst dann übernimmt das Isofluran, nach der Devise so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Jede einzelne Substanz lässt sich dadurch niedriger dosieren, als wenn sie die Narkose allein tragen müsste, und weniger Gas bedeutet weniger Belastung für Kreislauf und Atmung.

Ein Teil dieser Kombination lässt sich am Ende gezielt aufheben. Das Tier bekommt dafür ein Gegenmittel, ein sogenanntes Antidot, das den Wirkstoff von seinen Andockstellen im Gehirn verdrängt. Für den Patienten ist das ein Gewinn. Er liegt kürzer, hat schneller wieder Temperatur und kann früher trinken.

Nur ist so ein Antidot keine Kurve. Es ist ein Schalter.

In der Fachinformation zu Atipamezol, dem Standardgegenmittel, steht das nüchtern: Die Aufwachphase verkürzt sich bei Hund und Katze auf etwa fünf Minuten, nach ungefähr zehn Minuten sind die Tiere wieder mobil. Was dort nicht steht, weil Durchschnittswerte das nicht abbilden: Bei einem großen, muskulösen Hund, der unter reinem Sauerstoff kräftig durchatmet und das Narkosegas dadurch schnell loswird, kann daraus erheblich weniger werden.

Und dabei überspringt das Tier die vertraute Reihenfolge. Es schluckt nicht erst und wacht dann auf. Es ist wach, bevor es schluckt.

Damit verschwindet genau der Moment, auf den man sonst wartet. Wer die Extubation vom Schluckreflex abhängig macht und gleichzeitig antagonisiert, wartet auf ein Signal, das unter Umständen nie kommt.

Meine Konsequenz daraus ist unspektakulär. Der Verdampfer geht auf null, ich beatme weiter mit reinem Sauerstoff, bis das Tier stabil und kräftig selbst atmet. Dann wird die Manschette entleert, dann kommt der Schlauch heraus. Das Gegenmittel folgt erst danach, und es folgt am Boden, nicht auf dem Tisch. Damit sind die Atemwege bis zur eigenen stabilen Atmung gesichert, und der Schlauch ist draußen, bevor irgendetwas schnell gehen kann.

Der Schmerz, der gar nicht erst entsteht

Ein Detail an diesem Gegenmittel wird leicht übersehen. Es hebt nicht nur die Müdigkeit auf, sondern auch die schmerzstillende Wirkung des Ausgangsstoffs, denn der Wirkstoff, den es verdrängt, kann beides.

Genau deshalb liegt die Schmerzbehandlung bei mir nicht in dieser Spritze, sondern in einer eigenen, und die läuft schon bei der Einleitung mit, also bevor der erste Schnitt gesetzt ist.

Der Grund reicht über den Eingriff hinaus. Schmerzreize, die ungebremst ins Rückenmark laufen, verändern dort die Verschaltung. Die Nervenzellen antworten auf jeden weiteren Reiz stärker als auf den ersten, ein Vorgang, den man Wind-up nennt. Am Ende steht ein Tier, das mehr Schmerz empfindet, als die Wunde hergibt, teilweise noch dann, wenn längst alles verheilt ist.

Die deutsche Anästhesieleitlinie formuliert das Ziel unmissverständlich: Die Schmerzbehandlung beginnt vor der chirurgischen Inzision, um nicht nur bestehende Schmerzen zu lindern, sondern die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses zu verhindern (Leitlinie Anästhesiologische Versorgung bei Hund und Katze, Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft, 2016).

Ein Schmerz, der gar nicht erst entsteht, ist sehr viel leichter zu beherrschen als einer, der schon da war.

Warum ich auf dem Boden sitze

Damit sind wir wieder am Anfang, beim Beagle auf der Decke und bei mir daneben.

Alles, was ich hier beschrieben habe, hat eines gemeinsam: Es kündigt sich an. Die Atmung wird flacher, bevor sie aussetzt. Die Schleimhaut wird blasser, bevor der Kreislauf einbricht. Das Tier wird unruhig, bevor es sich am Verband zu schaffen macht. Man muss nur da sein, um es zu sehen.

Deshalb bleibt bei mir in dieser Phase immer jemand beim Tier. Nicht im selben Raum. Daneben.

Das ist auch der Grund, warum eine Kastration bei mir länger dauert, als Sie vielleicht erwarten würden. Nicht wegen der Operation. Wegen der Stunde danach, die auf keiner Rechnung als eigener Posten auftaucht.

Was Sie zu Hause tun können

Ein Tier, das aus der Narkose kommt, gehört an einen warmen, ruhigen, ebenerdigen Platz. Ohne Treppen, ohne Sofa, ohne andere Tiere, die es begrüßen wollen. Der Zweithund meint es gut. Er ist trotzdem das Letzte, was Ihr Tier an diesem Abend gebrauchen kann.

Zu fressen gibt es erst, wenn das Tier vollständig wach ist und sicher schluckt, in der Regel am Abend. Dann allerdings meist mit erstaunlichem Nachdruck.

Es darf schlapp sein, es darf zittern, es darf ein paar Stunden lang wirken, als hätte es zu tief ins Glas geschaut. Was es nicht darf, ist unruhig hecheln, ohne wieder zur Ruhe zu kommen, sich am Bauch lecken oder gar knabbern, oder blasse bis bläuliche Schleimhäute haben. Bei diesen drei Dingen rufen Sie an, egal zu welcher Uhrzeit und egal wie sicher Sie sind, dass Sie sich anstellen.

Und warum ich diesen Blog überhaupt schreibe

Veterinärmedizinische Lehrbücher kann sich heute jeder bestellen, und jeder kennt Doktor Google und inzwischen auch Professor GPT. Das Wissen liegt offen herum, und das ist im Grundsatz eine gute Entwicklung. Nur entsteht daraus erstaunlich häufig Halbwissen, und Halbwissen ist in der Medizin unangenehmer als gar kein Wissen, weil es Sicherheit vortäuscht, wo Vorsicht angebracht wäre.

Ein Lehrbuch erklärt Ihnen, was eine Aufwachphase ist. Es erzählt Ihnen nicht, wie sie sich anfühlt, wenn man eine Stunde lang neben einem Hund auf dem Boden sitzt und auf ein Schlucken wartet.

Deshalb schreibe ich hier ab und zu aus meiner Praxis. Was Sie in diesen Beiträgen lesen, ist anonymisiert, ohne Namen und teils mit veränderten Orten. Steht in einem Text doch einmal ein Name oder der tatsächliche Ort, dann habe ich das vorher mit dem Tierhalter besprochen. Ohne Ausnahme.

Der Beagle vom Anfang hat nach achtundvierzig Minuten geschluckt. Ich habe den Schlauch gezogen, er hat einmal geblinzelt und ist wieder eingeschlafen, diesmal von ganz allein. Eine Stunde später hat er seine Besitzerin begrüßt, als wäre nichts gewesen.

Genau so soll es sein. Und dass es aussieht, als wäre nichts gewesen, ist die eigentliche Arbeit.