Über eine Komplikation, die keine Schuld ist. Über eine Operation, die jeder Tierarzt kennt und fürchtet. Und darüber, warum Medizin nie hundert Prozent sein kann. Dr. med. vet. Maria-Louise Morgott

Vor ein paar Wochen rief mich eine Kundin an. Ihr Ton war nicht freundlich. Sie sagte: „Frau Doktor, meine Hündin läufig. Die, die Sie kastriert haben. Die läufig.“ Pause. „Ich will, dass Sie mir erklären, wie das sein kann. Und ich will, dass Sie die Klinikrechnung bezahlen.“

Ich wusste sofort, was passiert war. Und trotzdem stand ich da, mit dem Telefon am Ohr, und spürte, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Nicht weil ich nicht wusste, was Ovarian Remnant Syndrome ist. Nicht weil ich die Literatur nicht kenne. Sondern weil es mein Fall war. Meine Operation. Mein Patient. Und weil in diesem Moment alles, was ich in tausend Operationen richtig gemacht habe, keine Rolle mehr spielte.

Ich schreibe diesen Artikel, weil niemand über diese Momente spricht. Weil Tierärztinnen und Tierärzte Komplikationen erleben, sich dafür geißeln, nachts wach liegen, ihre Technik hinterfragen, ihre Karriere hinterfragen, ihren Wert hinterfragen, und das alles im Stillen. Während der Besitzer „Kunstfehler“ sagt und eine Rechnung will. Wir müssen darüber reden. Offen. Ehrlich.

Was eine Kastration wirklich ist

Wenn Tierhalter „Kastration“ hören, denken die meisten an einen Routineeingriff. Rein, raus, fertig, Hund trägt drei Tage einen Body und ist wieder fit. Und ja, bei einer jungen, schlanken Hündin kann das tatsächlich so aussehen. Die Ovariohysterektomie, kurz OHE, also die Entfernung beider Eierstöcke und der Gebärmutter, gehört zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen in der Kleintierpraxis. Ich habe ihn rund tausend Mal durchgeführt.

Aber „häufig“ heißt nicht „banal“. Es ist eine Bauchoperation. Eine echte, vollständige Laparotomie. Ich öffne die Bauchdecke, gehe durch Haut, Unterhaut, Faszien und Muskulatur bis in die Bauchhöhle. Dort suche ich die Eierstöcke, die bei der Hündin tief dorsal liegen, dicht unter der Niere, eingebettet in die Bursa ovarica, eine bindegewebige Hülle, die den Eierstock umschließt. Ich muss das Ligamentum suspensorium dehnen oder durchtrennen, um den Eierstock überhaupt nach ventral in mein Operationsfeld vorlagern zu können. Dann wird der Pedikel, das ist der Gefäßstiel, über den der Eierstock versorgt wird, doppelt abgebunden und durchtrennt. Das Gleiche auf der anderen Seite. Danach wird der Uteruskörper am Stumpf ligiert und abgesetzt. Blutkontrolle, Bauchhöhlenkontrolle, schichtweiser Verschluss.

Bei einer jungen Hündin mit guter Körperkondition ist das ein sauberer, übersichtlicher Eingriff. Die Eierstöcke sind klein, die Gefäße sind dünn, das Gewebe ist elastisch, die Sichtverhältnisse sind gut. Aber bei einer älteren Hündin? Bei einer übergewichtigen Hündin? Das ist eine andere Operation. Die Fettschichten sind dick, das Mesovarium ist durchsetzt mit Fettgewebe, das die Strukturen verschleiert. Die Eierstöcke sind größer, manchmal zystisch verändert. Verwachsungen können die Bursa verkleben. Man sieht weniger, man tastet mehr. Man arbeitet tief in einer Bauchhöhle, in der jeder Quadratzentimeter mit Fett ausgekleidet ist, und man muss absolut sicher sein, dass man den Eierstock vollständig entfernt hat. Jeden Millimeter. Denn schon ein mikroskopisch kleines Fragment Ovarialrinde kann ausreichen.

Ich habe Kolleginnen, die sagen: Die OHE bei einer fetten alten Hündin ist die Operation, bei der man am meisten schwitzt. Ich unterschreibe das. Es gibt Momente in dieser Operation, in denen man Strukturen mehr fühlt als sieht. In denen man mit den Fingern in einer Tiefe arbeitet, in der das Auge nicht mehr helfen kann, und in denen die einzige Sicherheit die Erfahrung ist, die man in Hunderten von Operationen vorher aufgebaut hat. Die Gefäßversorgung des Ovars, der Pedikel, liegt direkt neben den Nierengefäßen. Eine Ligatur, die zu tief sitzt, kann die Nierenarterie kompromittieren. Eine Ligatur, die zu oberflächlich sitzt, kann abgleiten und eine lebensbedrohliche Blutung auslösen. Das Fenster zwischen zu tief und zu hoch ist manchmal wenige Millimeter breit.

In der Lehrbuchliteratur wird die OHE auf drei Seiten abgehandelt. In der Wirklichkeit ist sie eine Operation, die Fingerspitzengefühl, räumliches Vorstellungsvermögen, Ruhe und Entscheidungsfähigkeit unter Stress verlangt. Ich sage das nicht, um mich selbst zu beweihräuchern. Ich sage es, damit Sie verstehen, was gemeint ist, wenn jemand „Reine Routine“ sagt. Routine heißt nicht einfach. Routine heißt: Man hat es oft genug gemacht, um zu wissen, wo die Fallen sind.

Was in diesem Fall passiert ist

In diesem Fall war es keine fette alte Hündin. Es war eine junge Hündin, gute Körperkondition, keinerlei Vorerkrankungen. Bilderbuch-OP. Beste Narkose, saubere Operationstechnik, komplikationsloser Verlauf. Keine verstärkte Blutung, keine Wundheilungsstörung, keine Infektion, nichts. Wie immer. Wie bei den 999 Operationen davor.

Und dann, Wochen später: Die Hündin zeigt Anzeichen einer Läufigkeit. Geschwollene Vulva, blutiger Ausfluss, Verhaltensänderungen. Die Besitzerin ist fassungslos. Und ich stehe da und muss erklären, was passiert ist.

Ovarian Remnant Syndrome: Was die Wissenschaft sagt

Das Ovarian Remnant Syndrome, kurz ORS, beschreibt das Vorhandensein von funktionellem Ovarialgewebe nach einer Kastration. Funktionell heißt: Das Gewebe produziert Hormone. Es kann einen Zyklus auslösen, läufigkeitsähnliche Symptome hervorrufen und sogar den Rüden anlocken. Für die Besitzerin sieht das aus, als hätte die Tierärztin die Operation nicht richtig gemacht. Aber das ist in den meisten Fällen nicht die Erklärung.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. In den größeren Kohortenstudien liegt die Inzidenz des ORS zwischen null und 0,5 Prozent. Ball und Kollegen dokumentierten in ihrer Serie 21 Fälle über einen Zeitraum von sieben Jahren und zeigten, dass weder die chirurgische Erfahrung noch der Schwierigkeitsgrad der Operation mit dem Auftreten korrelierten (Ball et al., Journal of the American Veterinary Medical Association, 2010). Selbst Fälle aus Universitätskliniken und von Spezialistinnen sind dokumentiert. Die große Studie von Burrow an 1880 Hündinnen fand eine Gesamtkomplikationsrate der OHE von 7,5 Prozent, dominiert von Blutungen und Wundproblemen. ORS war davon nur ein winziger Bruchteil (Burrow et al., Veterinary Record, 2014). In konkreten Zahlen: Zwei von 1880 Hündinnen, das sind 0,1 Prozent. In einer anderen Kohorte von 618 Hündinnen wurden drei Fälle dokumentiert, also 0,5 Prozent.

Mein Fall: einer von rund tausend. Ein Promille. Das liegt exakt im erwarteten Bereich, eher am unteren Rand.

Es gibt eine ältere Arbeit von Pearson aus dem Jahr 1973, die deutlich höhere Zahlen nennt, zwölf von zweiundsiebzig Hündinnen, also etwa siebzehn Prozent. Diese Studie wird in der aktuellen Literatur allerdings methodisch kritisch bewertet und stammt aus einer Ära ohne standardisierte chirurgische Technik (Pearson, Journal of Small Animal Practice, 1973). Die Chirurgie hat sich seitdem grundlegend weiterentwickelt. Die heutigen Zahlen sind ein Beleg dafür.

Warum es kein chirurgischer Fehler ist

Und jetzt der Punkt, der mich nachts nicht schlafen ließ und über den ich tagelang grübelte: Habe ich einen Fehler gemacht?

Die ehrliche Antwort: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.

ORS entsteht fast immer durch einen von drei Mechanismen. Erstens: Ein winziges Stück Ovarialrinde, manchmal nur wenige Zellen dick, löst sich beim Absetzen des Eierstocks und fällt in die Bauchhöhle. Dort revaskularisiert es, bildet neue Blutgefäße, und beginnt, Hormone zu produzieren. Dieses Fragment ist während der Operation weder sichtbar noch tastbar. Es ist mikroskopisch. Zweitens: Akzessorisches Ovarialgewebe, also Eierstockgewebe, das sich außerhalb des normalen anatomischen Operationsfeldes befindet, an Stellen, die bei einer Standard-OHE gar nicht dargestellt werden. Das ist selten, aber biologisch möglich und in der Literatur beschrieben (Perez-Marin et al., Animals, 2025). Drittens: Eine minimale Gewebsbrücke am Pedikelstumpf, die bei der Operation makroskopisch nicht erkennbar war, aber ausreicht, um funktionelles Gewebe zu erhalten.

Kein noch so sauberer Schnitt verhindert das zuverlässig. Kein noch so erfahrener Chirurg kann garantieren, dass nicht ein mikroskopisches Fragment zurückbleibt, das Jahre später wieder hormonell aktiv wird. Das ist kein handwerkliches Versagen. Das ist Biologie.

Was man als Tierarzt fühlt, wenn es passiert

Ich sage Ihnen, was passiert, wenn eine Tierärztin diesen Anruf bekommt. Man legt auf, und dann beginnt der Film im Kopf. Man geht die Operation durch, Schritt für Schritt. Habe ich das Ligamentum ausreichend gedehnt? War der Eierstock vollständig mobilisiert? Habe ich die Bursa kontrolliert? War die Ligatur korrekt platziert? Man zweifelt an allem. An der eigenen Technik, an den eigenen Händen, an der eigenen Kompetenz. Man fragt sich, ob man überhaupt noch operieren sollte.

Das ist kein Mitleidsaufruf. Das ist Realität. Die psychische Belastung von Tierärztinnen und Tierärzten nach Komplikationen ist ein Thema, das in unserer Branche systemisch verdrängt wird. Wir funktionieren, wir machen die nächste OP, wir lächeln den nächsten Kunden an. Aber innen drin läuft der Film weiter. Und wenn dann der Besitzer das Wort „Kunstfehler“ benutzt, dann trifft das wie ein Schlag. Nicht weil es juristisch eine Bedrohung ist, obwohl es das auch ist. Sondern weil es die eigene schlimmste Befürchtung bestätigt, die man in seinem dunkelsten Moment selbst hatte.

Mein Mann hat mir die Studien rausgesucht, die Zahlen auf den Tisch gelegt und gesagt: „Louise, du liegst bei einem Promille. Das ist kein Fehler. Das ist Statistik.“ Er hat recht. Rational weiß ich das. Emotional hat es gedauert.

Und dann ist da die andere Seite. Die Besitzerin, die ihr Tier liebt und die sich verraten fühlt. Die für eine Kastration bezahlt hat und jetzt eine Hündin zu Hause hat, die läufig wird. Ich verstehe ihre Wut. Ich verstehe, dass sie sich fragt, wofür sie bezahlt hat. Ich verstehe sogar, dass das Wort „Kunstfehler“ fällt, weil es das einzige Wort ist, das sie kennt für: Da ist etwas schiefgelaufen. Was ich mir wünsche, ist, dass wir dieses Gespräch führen können, bevor die Vorwürfe kommen. Dass ich erklären darf, was passiert ist und warum. Dass die Besitzerin versteht, dass „schiefgelaufen“ und „Fehler“ nicht dasselbe sind. In der Medizin passieren Dinge, die kein Chirurg der Welt verhindern kann. Das ist keine Ausrede. Das ist die Wahrheit.

Was mich am meisten getroffen hat, war nicht der Vorwurf selbst. Es war die Forderung, die Klinikrechnung zu übernehmen. Nicht weil es um Geld geht. Sondern weil in dieser Forderung die Unterstellung steckt: Du hast das verbockt, also zahlst du. Als wäre eine Komplikation dasselbe wie Fahrlässigkeit. Als wäre ein statistisch erwartbares Ereignis dasselbe wie Pfusch. Die Gesamtkomplikationsrate der klassischen OHE liegt übrigens je nach Quelle bei sechs bis zwanzig Prozent, dominiert von Blutungen, Wundinfektionen und Nahtproblemen (Burrow et al., Veterinary Record, 2014). ORS ist davon ein winziger Bruchteil. Aber jede einzelne Komplikation trifft einen konkreten Hund und eine konkrete Besitzerin. Und eine konkrete Tierärztin, die sich fragt, ob sie ihren Beruf noch kann.

Was jetzt passiert

Die Diagnostik beim Ovarian Remnant Syndrome ist klar definiert. Neben den Basalhormonen Progesteron und Östradiol ist der Anti-Müller-Hormon-Wert, kurz AMH, mittlerweile der Goldstandard für den Nachweis von funktionellem Ovarialgewebe bei kastrierten Hündinnen. Anders als die Zyklushormone schwankt AMH nicht phasenabhängig und liefert ein verlässliches Ergebnis unabhängig vom Zyklusstand. Alternativ kann ein GnRH-Stimulationstest durchgeführt werden. Ultraschall ist nur in der vermuteten Aktivitätsphase sinnvoll, weil das Remnant sonst oft zu klein oder sonografisch stumm ist.

Die definitive Therapie ist die chirurgische Exzision des Remnants. Das Restgewebe findet sich meist am rechten Pedikel unter der Niere oder am linken Pedikelstumpf, häufig adhäsionsverklebt. Es ist ein Zweiteingriff, ja. Es ist unangenehm, ja. Aber es ist lösbar. Und die Hündin wird danach beschwerdefrei sein.

Im konkreten Fall habe ich der Besitzerin genau das erklärt. Ich habe ihr die Studien genannt. Ich habe ihr die Zahlen gezeigt. Ich habe ihr angeboten, die Diagnostik einzuleiten und den Fall gemeinsam mit einer Klinik aufzuarbeiten. Denn das ist es, was eine verantwortungsvolle Tierärztin tut, wenn etwas Unerwartetes eintritt: Sie versteckt sich nicht, sie dokumentiert, sie klärt auf, und sie löst das Problem. Ob die Besitzerin das so sieht? Ich weiß es noch nicht. Aber ich weiß, dass ich meinen Teil tue.

Warum ich diesen Artikel schreibe

Nicht weil ich mich verteidigen muss. Sondern weil ich glaube, dass Ehrlichkeit das Einzige ist, was in solchen Momenten zählt.

Medizin ist keine Manufaktur, in der jedes Ergebnis identisch ausfällt. Medizin arbeitet mit lebenden Körpern, mit individueller Anatomie, mit biologischer Variabilität. Eine Komplikationsrate von null Prozent gibt es nicht. Nicht in der Humanmedizin, nicht in der Veterinärmedizin, nirgendwo. Wer das behauptet, lügt.

Was es gibt, ist Sorgfalt. Technik. Erfahrung. Und die Bereitschaft, auch nach tausend Operationen jeden einzelnen Eingriff so durchzuführen, als wäre es der erste. Das habe ich getan. Und genau das werde ich weiterhin tun. Auch bei Operation 1001.

Was ich von Tierhaltern erhoffe, ist Verständnis dafür, dass eine Komplikation nicht automatisch ein Fehler ist. Dass Ihr Tier in den Händen einer Tierärztin war, die ihr Handwerk beherrscht, die sich weiterbildet, die nach Lehrbuch operiert, und bei der trotzdem etwas eingetreten ist, das biologisch möglich, statistisch erwartbar und chirurgisch nicht vermeidbar war. Ein Promille. Nicht mehr. Nicht weniger. Aber auch nicht nichts, wenn es das eigene Tier betrifft. Das verstehe ich.

Wenn Ihr Tier eine Komplikation nach einem Eingriff zeigt, rufen Sie mich an. Nicht mit Vorwürfen, sondern mit dem Vertrauen, dass ich das Problem lösen werde. Denn das ist mein Beruf. Nicht Perfektion zu versprechen, die es nicht gibt. Sondern da zu sein, wenn Medizin macht, was Medizin manchmal tut: überraschen.

Meine Praxis befindet sich in der Enzianstraße 4a in Starnberg. Ich komme zu Ihnen nach Hause. Und ich verspreche Ihnen eines: absolute Ehrlichkeit. Auch wenn es unbequem ist. Gerade dann.

Dr. med. vet. Maria-Louise Morgott, mobile Tierärztin, Landkreis Starnberg