Borreliose, Anaplasmose, FSME und die Frage, was tatsächlich schützt. Warum wir bei unseren eigenen sechs Hunden auf Bravecto setzen, und warum Sie sich in Bayern impfen lassen sollten.
Vergangene Woche, Hausbesuch in Pöcking. Auf dem Küchenboden lag ein Golden Retriever, daneben kniete sein Besitzer, in der einen Hand eine Pinzette, in der anderen sein Handy mit einem YouTube-Video. Er hatte eine Zecke entdeckt und war gerade dabei, sie nach Anleitung herauszudrehen. Gegen den Uhrzeigersinn, weil das Video das so sagte.
Ich habe ihn machen lassen, kurz. Dann habe ich ihm die Pinzette abgenommen.
Nicht weil er etwas falsch gemacht hätte, jedenfalls nicht grob. Sondern weil sich um keine andere Sache so viele Halbwahrheiten ranken wie um die Zecke. Drehen oder nicht drehen. Öl drauf oder nicht. Impfen oder nicht. Tablette oder Halsband, und ist die Tablette nicht angeblich Gift? An diesem Küchentisch saßen an einem Nachmittag ungefähr fünf verschiedene Mythen gleichzeitig, und der Hund daneben kratzte sich seelenruhig.
Zeit, das einmal ordentlich aufzudröseln. Was im Landkreis Starnberg im Gras sitzt, was es Ihrem Hund antut, was es Ihnen antut, und was wirklich schützt.
Der Holzbock ist kein Insekt, und das ist Ihr erstes Problem
Die Zecke, die Sie hier bei uns von Ihrem Hund zupfen, ist mit überwältigender Wahrscheinlichkeit der Gemeine Holzbock, Ixodes ricinus. Kein Insekt, sondern ein Spinnentier, verwandt mit Milben. Das ist nicht akademische Pedanterie, das hat praktische Folgen: Eine Zecke hat acht Beine, einen Stechapparat mit Widerhaken und einen Speichel, der pharmazeutisch betrachtet ein kleines Wunderwerk ist. Er betäubt, er hemmt die Blutgerinnung, und er unterdrückt lokal die Immunabwehr, damit das Tier tagelang ungestört saugen kann. Genau dieser Speichel ist die Eintrittspforte für alles, was danach kommt.
Sie wird im Frühjahr aktiv, sobald es ein paar Tage über sieben Grad hat, und sie bleibt es bis tief in den Herbst. Die alte Vorstellung von der Zeckensaison im Hochsommer können Sie vergessen. Wir ziehen hier von März bis November Zecken, und die mildesten Winter liefern inzwischen Funde im Januar.
Was die Zecke in den Hund bringt
Drei Erkrankungen sind bei uns die relevanten. Borreliose, Anaplasmose und, zunehmend, Babesiose.
Die Borreliose kennen die meisten, wenn auch eher vom Menschen. Verursacher sind spiralförmige Bakterien aus dem Borrelia-burgdorferi-Komplex. Wie viele Zecken sie tragen, schwankt regional erheblich, je nach Untersuchung bis zu 40 Prozent der Population (Elanco Tiergesundheit, Reisekrankheiten). In Endemiegebieten weisen rund 95 Prozent aller Hunde Antikörper gegen Borrelien auf, ohne dass die meisten je erkranken (DocCheck Flexikon, Lyme-Borreliose Hund). Wenn es klinisch wird, sieht das beim Hund anders aus als beim Menschen: keine Wanderröte am Stich, sondern wiederkehrendes Fieber, Lahmheiten, die das Bein wechseln, geschwollene Gelenke, Mattigkeit. Der gefürchtetste, seltene Verlauf ist eine Nierenentzündung, die tödlich enden kann.
Die Anaplasmose macht weniger Schlagzeilen, sitzt aber in genau denselben Zecken. Anaplasma phagocytophilum befällt die neutrophilen Granulozyten, also einen Teil der weißen Blutkörperchen. Etwa 2 bis 5 Prozent der heimischen Zecken tragen den Erreger, regional bis 9 Prozent (Tierarztpraxis Hucke, Herbstzecken). Hohes Fieber, Fressunlust, Abgeschlagenheit, oft ein Abfall der Blutplättchen mit Blutungsneigung. Das Tückische daran: Hund und Symptom passen selten offensichtlich zusammen, und ohne gezielten Bluttest denkt man nicht sofort daran.
Die Babesiose war lange eine reine Reisekrankheit. Das ändert sich. Ihr Überträger, die Auwaldzecke Dermacentor reticulatus, breitet sich quer durch Mitteleuropa aus, und einzelne autochthone Fälle, also Infektionen ohne jede Auslandsreise, treten inzwischen auch hierzulande auf. Babesien zerstören die roten Blutkörperchen. Das Bild ist dramatisch: hohes Fieber, dunkelroter bis brauner Urin, Gelbsucht, eine Anämie, die binnen Tagen lebensbedrohlich wird. Hundemalaria nennt man das, und der Name ist nicht übertrieben.
Und dann klettert sie auf Sie
Hier wird es persönlich, im wörtlichen Sinn. Die Zecke unterscheidet nicht sauber zwischen Wirten. Sie sucht warmes, durchblutetes Gewebe, und ob das ein Hundebauch oder Ihre Kniekehle ist, ist ihr gleich. Wer seinen Hund aus dem hohen Gras zurückholt, trägt nicht selten die Mitbringsel am eigenen Körper nach Hause. Die Zecke, die heute am Hund vorbeikam und nicht angebissen hat, sitzt morgen vielleicht an Ihnen.
Beim Menschen ist die Lyme-Borreliose die häufigste Folge, und sie ist nicht impfbar. Die berühmte Wanderröte, das Erythema migrans, ein sich ausbreitender roter Ring um die Stichstelle, ist das Frühzeichen, fehlt aber in einem Teil der Fälle. Unbehandelt drohen später Gelenkentzündungen, eine Beteiligung des Nervensystems, in seltenen Fällen das Herz. Antibiotisch ist das gut behandelbar, vorausgesetzt, man erkennt es. Die Anaplasmose gibt es ebenfalls beim Menschen, grippeähnlich mit Fieber und Kopfschmerz, und sie reagiert prompt auf Doxycyclin.
Und dann ist da die FSME. Die Frühsommer-Meningoenzephalitis, eine Virusentzündung von Hirnhäuten und Gehirn. Über die müssen wir gesondert reden, denn sie ist der Grund, warum ich Ihnen als Tierärztin etwas rate, das eigentlich Sache Ihres Hausarztes ist.
Warum ich Ihnen in Bayern zur FSME-Impfung rate
Bayern ist FSME-Land. 95 der 96 Landkreise und kreisfreien Städte sind als Risikogebiet ausgewiesen, der Landkreis Starnberg gehört dazu (LGL Bayern, FSME-Risikogebiete 2026). Sie wohnen also, statistisch gesprochen, mitten im Verbreitungsgebiet. 2025 wurden bundesweit 693 FSME-Erkrankungen gemeldet, die dritthöchste Zahl seit Beginn der Erfassung im Jahr 2001 (RKI, Epidemiologisches Bulletin 9/2026).
Jetzt kommt der Teil, der mich als Medizinerin umtreibt. Gegen FSME gibt es keine ursächliche Therapie. Keine. Wenn das Virus erst einmal das zentrale Nervensystem erreicht hat, kann man nur noch begleitend behandeln, Symptome lindern, hoffen. Ein Teil der schwer Erkrankten behält bleibende neurologische Schäden, und die Wahrscheinlichkeit dafür steigt mit dem Alter deutlich an. Eine Erkrankung ohne Behandlung, aber mit wirksamer Impfung: medizinisch ist diese Rechnung nicht knapp, sie ist eindeutig.
Trotzdem liegt die Impfquote in Bayern bei mageren 22,6 Prozent (RKI, KV-Impfsurveillance 2024). Und fast alle, die erkranken, sind ungeimpft oder unzureichend geimpft. Der Impfstoff selbst ist ein Totimpfstoff, einer der bestuntersuchten und verträglichsten überhaupt. Er kann die Krankheit nicht auslösen, weil kein vermehrungsfähiges Virus darin ist. Was bleibt, sind die üblichen, harmlosen Impfreaktionen für ein, zwei Tage.
Mein Hund kann ich gegen FSME übrigens nicht sinnvoll schützen, das Virus spielt bei Hunden klinisch kaum eine Rolle. Sie aber kann ich darauf hinweisen. Wenn Sie hier leben, mit Hund durchs Grüne gehen und noch nicht geimpft sind: Sprechen Sie Ihren Hausarzt an. Das ist der eine Rat in diesem Text, der nicht Ihrem Tier gilt, sondern Ihnen.
Repellent oder Akarizid: zwei völlig verschiedene Strategien
Jetzt zum Schutz des Hundes, und hier räumen wir mit der größten Verwirrung auf. Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Wege, und sie tun nicht dasselbe.
Der eine Weg ist das Repellent, abwehrend von außen. Wirkstoffe wie Permethrin oder Deltamethrin sitzen auf Haut und Fell, in Spot-ons oder in Halsbändern, und sie sorgen dafür, dass die Zecke gar nicht erst beißt oder sehr schnell wieder abfällt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Was nicht beißt, überträgt nichts. Der Nachteil auch: Die Wirkung lässt nach, Spot-ons halten je nach Präparat drei bis vier Wochen, und Baden, Regen und Felllänge nagen am Schutz.
Der andere Weg ist das Akarizid von innen, und das sind die heute meistverwendeten Mittel, die Isoxazoline. Bravecto mit dem Wirkstoff Fluralaner, NexGard mit Afoxolaner, Simparica mit Sarolaner, Credelio mit Lotilaner. Diese Wirkstoffe zirkulieren im Blut des Hundes. Die Zecke beißt, saugt, nimmt den Wirkstoff mit dem Blut auf und stirbt. Der Mechanismus ist elegant und speziesselektiv: Isoxazoline blockieren bestimmte Chloridkanäle im Nervensystem der Parasiten, gesteuert von GABA und Glutamat, und überreizen so das Nervensystem der Zecke bis zum Tod. Beim Säugetier sind genau diese Kanäle anders gebaut, deshalb trifft es den Parasiten und nicht den Hund.
Und jetzt der ehrliche Haken, den Ihnen kein Werbeprospekt nennt: Beim Akarizid muss die Zecke erst beißen, um an den Wirkstoff zu kommen. Ein kurzes Zeitfenster, in dem theoretisch eine Übertragung stattfinden könnte, bleibt also. Wie groß dieses Fenster ist, hängt vom Erreger ab. Borrelien brauchen ab dem Anstechen mindestens etwa 16 Stunden, ihr Übertragungshöhepunkt liegt erst nach rund 50 Stunden Saugzeit. Anaplasmen brauchen ungefähr 24 Stunden (Vetline, Übertragungszeiten zeckenübertragener Erreger beim Hund). Die Isoxazoline töten die Zecke innerhalb von etwa zwölf Stunden nahezu vollständig (Rohdich et al., Parasites and Vectors, 2014), also bevor die Borrelienübertragung typischerweise in Gang kommt, und vor dem 24-Stunden-Fenster der Anaplasmen. Hundertprozentig ist nichts, aber das Risiko sinkt drastisch.
Warum wir bei unseren eigenen Hunden Bravecto geben
Ich werde oft gefragt, was ich denn selbst verwende. Die Antwort: Bei unseren sechs Hunden setzen wir auf Bravecto, seit Jahren, mit gutem Erfolg und ohne einen einzigen Zwischenfall. Dollar, unsere zweijährige Labrador-Hündin, deren eigentliche Begabung das Stehlen von Socken ist, bringt aus dem Garten regelmäßig Zecken mit. Sitzen tut dort keine lange.
Ich sage das bewusst so direkt, weil im Netz das Gegenteil kursiert. Es gibt Foren, Facebook-Gruppen und ganze Webseiten, die behaupten, Bravecto vergifte und töte Hunde reihenweise. Wer einmal in diese Echokammer gerät, kommt mit der festen Überzeugung wieder heraus, eine einzige Tablette sei ein Todesurteil. Schauen wir uns die Zahlen an, statt die Lautstärke.
Fluralaner ist seit 2014 zentral über die Europäische Arzneimittelagentur zugelassen. Zwischen Zulassung und November 2020 wurden 15.616 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen gemeldet, das entspricht 0,012 Prozent aller in diesem Zeitraum verkauften Dosen (EMA-Pharmakovigilanzdaten, ausgewertet an der Vetmeduni Wien). Die EMA stuft Nebenwirkungen damit als selten ein, in der Größenordnung von einem Fall auf 1.000 bis 10.000 Tieren, schwere Reaktionen als sehr selten, also seltener als einer auf 10.000. In ausgewerteten klinischen Studien zeigten von 1.349 behandelten Hunden 4,6 Prozent überhaupt eine Nebenwirkung, und zwar leichte: Durchfall, Erbrechen, etwas Speicheln, vorübergehende Fressunlust. Sie erholten sich rasch.
Verschweigen will ich nichts. Es gibt ein reales Signal: In sehr seltenen Fällen wurde nach der Gabe von neurologischen Symptomen berichtet, Zittern, Krämpfe, Lethargie. Die EMA hat das ernst genommen, das Mittel ab 2017 engmaschig überwacht und in die Fachinformation den Hinweis aufgenommen, dass man Hunde mit bekannter Epilepsie nur mit Vorsicht behandeln soll (EMA, CVMP-Bewertung Fluralaner 2017). Genau so funktioniert ein gut überwachtes Arzneimittel. Das gilt im Übrigen für die gesamte Wirkstoffklasse, nicht nur für Bravecto.
Was die Online-Geschichten so überzeugend macht und gleichzeitig so wertlos, ist die Verwechslung von zeitlicher Nähe und Ursache. Wenn ein Hund vier Wochen nach einer Tablette krank wird, war die Tablette nicht zwangsläufig schuld. In diesem Zeitfenster werden Hunde aus tausend Gründen krank. Korrelation ist keine Kausalität, und ein Forenbeitrag ist keine Studie. Für einen Hund mit gesunder neurologischer Vorgeschichte ist der Nutzen, der zuverlässige Schutz vor Borreliose, Anaplasmose und Babesiose, deutlich größer als das sehr kleine Risiko. Für einen Epileptiker wäge ich individuell ab und greife eher zum äußeren Repellent. Das ist der Unterschied zwischen Medizin und Glaubensfrage.
Ein Satz, der bei Katzen über Leben und Tod entscheidet
Einen Punkt muss ich herausschreien, weil er regelmäßig tödlich endet. Permethrin, der Wirkstoff in vielen Hunde-Spot-ons und in Zeckenhalsbändern, ist für Katzen hochgiftig.
Der Katze fehlt in der Leber das Enzym Glucuronyltransferase, mit dem Hunde und Menschen Permethrin abbauen (BVL, Warnung zu Permethrin bei Katzen). Was beim Hund harmlos abgebaut wird, reichert sich bei der Katze an und überreizt das Nervensystem. Die Folge sind heftiges Muskelzittern, Krämpfe, Überhitzung, und ohne sofortige intensivmedizinische Behandlung der Tod. Es genügt, dass die Katze den frisch behandelten Hund ableckt oder sich an ihn kuschelt.
Wer Hund und Katze im selben Haushalt hält, darf am Hund kein Permethrin verwenden, Punkt. Hier sind die Isoxazoline sogar im Vorteil, denn der Wirkstoff sitzt im Blut des Hundes, nicht auf seinem Fell. Wenn Sie unsicher sind, was in Ihrem Halsband oder Ihrem Spot-on steckt: fragen Sie mich, bevor Sie es anwenden, nicht danach.
Wenn die Zecke schon sitzt
Trotz allem wird mal eine durchkommen. Dann zählt, wie Sie sie entfernen, und hier zurück zum Besitzer aus Pöcking mit seinem Drehvideo.
Drehen müssen Sie nicht, in keine Richtung. Die Zecke hat kein Gewinde. Fassen Sie sie mit einer feinen Pinzette oder einer Zeckenkarte so hautnah wie möglich, direkt am Stechapparat, und ziehen Sie gleichmäßig und gerade heraus. Nicht ruckartig, nicht quetschen. Quetschen ist das eigentliche Problem, denn dabei pressen Sie den Speichel und womöglich Erreger erst recht in die Wunde.
Was Sie nicht tun: kein Öl, kein Klebstoff, kein Nagellack, kein Feuerzeug. All das reizt die Zecke, und eine gereizte Zecke erbricht in die Wunde, bevor sie loslässt. Genau das wollen Sie verhindern. Bleibt ein winziger Rest des Mundwerkzeugs stecken, ist das halb so wild, der Körper stößt ihn meist von selbst ab, ähnlich einem Splinter. Danach die Stelle desinfizieren und über die nächsten Wochen im Auge behalten. Beim Hund auf Lahmheit und Fieber achten, bei sich selbst auf eine sich ausbreitende Rötung.
Die Zecke ist kein Grund zur Panik, aber auch keine Lappalie. Sie ist ein hochspezialisierter Überträger, der bei uns im Landkreis Starnberg drei ernstzunehmende Erkrankungen für den Hund und mehrere für Sie selbst im Gepäck hat. Der gute Schutz ist da, er ist sicher, und er ist keine Glaubensfrage.
Wenn Sie wissen wollen, welches Mittel zu Ihrem Hund, Ihrem Haushalt und Ihrem Alltag passt, ob Tablette oder Halsband, ob mit Katze im Haus oder ohne, dann lassen Sie uns das in Ruhe besprechen. Ich komme zu Ihnen nach Hause, wir schauen uns Ihren Hund an, und ich beantworte jede Frage, auch die, die Sie aus dem Internet mitbringen. Rufen Sie mich einfach an.