Neulich, Hausbesuch in Pöcking. Ein älterer Kater, entzündetes Zahnfleisch, nichts Dramatisches. Ich packe gerade meine Tasche zusammen, da schaut der Besitzer aus dem Fenster auf mein Auto und sagt, halb anerkennend, halb vorwurfsvoll: „Na, bei Ihren Preisen steht da bestimmt bald ein Porsche.“
Ich habe gelacht. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass mein Auto in einem Jahr mehr Kilometer frisst als seines in zehn? Dass mein Kofferraum aussieht wie eine rollende Apotheke, mit Kühlbox für Impfstoffe, Verbandsmaterial und einem Sortiment an Spritzen, um das mich jede Bastelabteilung beneiden würde? Dass ich auf der Rückfahrt wieder telefonieren werde, unbezahlt, weil eine Kundin wissen möchte, ob ihr Hund die halbe Tafel Zartbitter überlebt?
Gesagt habe ich nichts davon. Nur „Schön wär’s“. Dann bin ich gefahren.
Der Satz ist mir trotzdem nachgegangen. Weil ich ihn so oft höre, in immer neuen Varianten. „Sie verdienen ja gut.“ „Tierärzte sind doch alle reich.“ „130 Euro für 20 Minuten?“ Heute möchte ich diesen Satz einmal ernst nehmen und nachrechnen. Mit Ihnen, Posten für Posten. Ich warne Sie vor: Schön wird das nicht.
Vorher noch ein Geständnis. Ich habe selbst 6 Hunde, darunter Dollar, eine zweijährige Labrador-Hündin, die Socken frisst wie andere Leute Chips. Ich weiß also ziemlich genau, was Tierhaltung kostet. Einen Mengenrabatt bei mir selbst bekomme ich übrigens auch nicht. Dollar hat schon nachgefragt.
Eine Rechnung, die niemand aufmacht
Nehmen wir eine ganz normale Rechnung über 130 Euro. Untersuchung, eine Injektion, ein Medikament zum Dalassen, Wegegeld. Für Sie ist das eine Zahl unten rechts auf dem Papier.
Zuerst ein Wort dazu, wie diese Zahl zustande kommt. Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland rechnen nach der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte ab, kurz GOT. Das ist keine unverbindliche Empfehlung unseres Berufsstands, sondern eine Rechtsverordnung des Bundes, die seit November 2022 in neuer Fassung gilt. Der sogenannte einfache Satz ist darin die Untergrenze. Weniger zu verlangen ist nur in eng gefassten Ausnahmefällen erlaubt (§ 1 Abs. 2 GOT). Ich darf also nicht einfach einen Rabatt geben, weil mir jemand sympathisch ist.
Für unsere Rechnung wichtiger ist der nächste Absatz desselben Paragraphen. In den Gebührensätzen ist die Umsatzsteuer nicht enthalten (§ 1 Abs. 3 GOT). Sie kommt obendrauf, und zwar mit dem vollen Satz von 19 Prozent (§ 12 Abs. 1 UStG). Einen ermäßigten Satz, wie es ihn etwa für Lebensmittel gibt, kennt das Gesetz für die Behandlung Ihres Hundes nicht. Eine Petition, die Mehrwertsteuer auf Tierarztbehandlungen abzuschaffen, hat der Deutsche Bundestag im Dezember 2022 abgeschlossen, ohne dem Anliegen zu folgen (Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages, Pet 3-20-08-6120-002410, 2022).
Was heißt das für unsere 130 Euro? Geteilt durch 1,19 ergibt das 109,24 Euro. Die Differenz von 20,76 Euro gehört vom ersten Moment an dem Finanzamt. Ich bin an dieser Stelle nur die Kassiererin. Unbezahlt, versteht sich.
Bleiben 109,24 Euro. Klingt immer noch ordentlich. Warten Sie.
Wohin das Geld fährt
Jetzt kommen die Kosten, die kaum jemand sieht. Sie sehen eine Tierärztin zur Tür hereinkommen. Was alles mit ihr zur Tür hereinkommt, sehen Sie nicht.
Das Medikament, das ich Ihnen dalasse, habe ich vorher eingekauft und bezahlt. Den Impfstoff ebenso, gekühlt, in einer Kühlkette, die nicht abreißen darf. Dazu Einmalhandschuhe, Kanülen, Desinfektionsmittel, die Blutprobe, die ich an ein externes Labor schicke. Miete. Versicherungen, und zwar nicht eine, sondern ein ganzer Ordner voll: Berufshaftpflicht, Fahrzeug, Ausrüstung. Praxissoftware, Kammerbeitrag, Pflichtfortbildungen. Rechnungen, die nie bezahlt werden und trotzdem Kosten verursacht haben. Und dann das Auto.
Fast alles davon wird jedes Jahr teurer. Ich merke es an jeder Lieferung, an jedem Versicherungsschreiben, an jeder Werkstattrechnung.
Ich fahre im Jahr rund 150.000 Kilometer. Lassen Sie diese Zahl kurz wirken. Das ist fast viermal um die Erde, jedes Jahr. Bei dieser Laufleistung ist ein Fahrzeug nach 3 bis 4 Jahren am Ende, ganz gleich, wie liebevoll ich es pflege. Dann brauche ich ein neues. Hinzu kommen Reifen, Werkstatt, Versicherung und gelegentlich ein neuer Außenspiegel, weil manche Hofeinfahrten im Fünfseenland offenbar von Menschen geplant wurden, die nie ein Auto aus der Nähe gesehen haben.
Brechreiz an der Zapfsäule
Mein Auto schluckt Diesel. Viel Diesel. Und an der Zapfsäule bekomme ich inzwischen etwas, das ich sonst nur von Patienten kenne, die eine Socke verschluckt haben: Brechreiz.
Ich erinnere mich gut an Zeiten, in denen an der Säule eine 1,50 stand und ich mich darüber geärgert habe. Heute würde ich dafür einen Kuchen backen. Im Jahresdurchschnitt 2021 kostete der Liter Diesel 1,39 Euro, 2025 waren es 1,61 Euro. Im September 2026 lag der Monatsdurchschnitt dann bei 2,39 Euro (ADAC, Kraftstoffpreisentwicklung, 2026). Am 21. Oktober 2026 meldete der ADAC für Diesel bundesweit 2,255 Euro pro Liter (ADAC, aktueller Spritpreis, 2026).
Und jetzt kommt das Beste. Seit dem 1. Oktober gilt ein Tankrabatt. Die Energiesteuer auf Diesel ist bis Ende Dezember um 14 Cent pro Liter gesenkt, mit Mehrwertsteuer sind das knapp 17 Cent Entlastung (ADAC, 2026). Mit Rabatt also 2,255 Euro.
Rechnen Sie mit. Bei 150.000 Kilometern im Jahr und, als Rechenbeispiel, 8 Litern auf 100 Kilometer verbrauche ich 12.000 Liter Diesel. Zu 1,50 Euro wären das 18.000 Euro. Zum Preis dieser Woche sind es 27.060 Euro. Rund 9.000 Euro mehr im Jahr, nur dafür, dass ich zu Ihnen komme. Kein Medikament mehr, keine Minute mehr Behandlung, kein Euro mehr für mich. Nur Diesel.
Auf jedem dieser Liter liegen Energiesteuer und CO2-Abgabe. Und auf alles zusammen kommt noch einmal die Mehrwertsteuer, also auch auf die Steuer selbst. Der Staat besteuert seine eigene Steuer. Das muss man sich erst einmal ausdenken.
Meine Gebühren dagegen stehen in einer Verordnung des Bundes, und die bewegt sich im Schneckentempo. Die GOT von 1999 wurde 2005, 2008 und 2017 geändert, 2017 mit einer pauschalen Erhöhung von 12 Prozent gegenüber 2008, und erst 2022 grundlegend neu gefasst (3. Änderungsverordnung zur GOT, 2017). Gefühlt also einmal in 10 Jahren. Der Dieselpreis wartet keine 10 Jahre. Springt der Liter um 20 Cent, kann ich nicht nachziehen. Für Hausbesuche sieht die GOT ein Wegegeld vor, mit dem die Mehrkosten ausdrücklich abgegolten sind (§ 10 Abs. 1 GOT). Abgegolten. Bei 2,255 Euro pro Liter. Ich lache, damit ich nicht weine.
Was die Statistik dazu sagt
Wie groß ist der Kostenblock insgesamt? Die letzte Kostenstrukturerhebung, die das Statistische Bundesamt eigens für Tierarztpraxen veröffentlicht hat, bezieht sich auf das Jahr 2007. Damals lagen die Aufwendungen bei durchschnittlich 71 Prozent der Einnahmen. Allein Medikamente und Material machten 33,8 Prozent aus, das Personal 15 Prozent, Mieten und Leasing 3,8 Prozent (Statistisches Bundesamt, Kostenstruktur bei Tierarztpraxen 2007, berichtet im Deutschen Tierärzteblatt 9/2009).
Die Zahlen sind alt, das gebe ich offen zu. Sie stammen aus einer Zeit, in der eine 2 vor dem Komma an der Zapfsäule nach Science-Fiction klang. In meiner mobilen Praxis lande ich unterm Strich nicht weit weg von diesem Durchschnitt.
Rechnen wir also mit 71 Prozent. Von 109,24 Euro gehen 77,56 Euro für Kosten weg. Übrig bleiben 31,68 Euro.
Aus 130 sind 31,68 geworden. Fertig sind wir noch lange nicht.
Was dann noch einmal abgeht
Von diesen 31,68 Euro muss ich mich selbst absichern. Als Selbstständige habe ich keinen Arbeitgeber, der die Hälfte meiner Sozialabgaben trägt. Ich zahle alles. Beide Hälften. Für die Arbeitgeberin in mir zahlt niemand.
Da ist zuerst die Altersvorsorge. Tierärztinnen und Tierärzte in Bayern sind Pflichtmitglied der Bayerischen Ärzteversorgung, dem Versorgungswerk, das für uns die gesetzliche Rentenversicherung ersetzt. Für Selbstständige beträgt der Beitrag 18 Prozent des Berufseinkommens bis zur Beitragsbemessungsgrenze (Bayerische Ärzteversorgung, Mitgliederinformation, Stand Januar 2025). Von 31,68 Euro sind das 5,70 Euro.
Dann Kranken- und Pflegeversicherung. Der allgemeine Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung liegt bei 14,6 Prozent (§ 241 SGB V). Dazu kommt der Zusatzbeitrag der jeweiligen Kasse, den das Bundesgesundheitsministerium für 2026 im Durchschnitt mit 2,9 Prozent angesetzt hat, und die Pflegeversicherung mit 3,6 Prozent (Verband der Ersatzkassen, Neuerungen 2026). Zusammen sind das 21,1 Prozent, für Kinderlose noch mehr. Von 31,68 Euro: 6,68 Euro.
Bleiben 19,30 Euro. Darauf zahle ich Einkommensteuer. Die deutsche Einkommensteuer ist progressiv, jeder zusätzlich verdiente Euro wird höher besteuert als der davor. Bei einem zu versteuernden Einkommen um 50.000 Euro liegt dieser sogenannte Grenzsteuersatz 2026 bei rund 35 Prozent (§ 32a EStG). Ich rechne hier bewusst vereinfacht: Die Vorsorgebeiträge mindern die Steuerlast weitgehend, deshalb ziehe ich sie vorher ab. Kirchensteuer lasse ich ganz weg. Von 19,30 Euro gehen 6,76 Euro an das Finanzamt.
Übrig bleiben 12,54 Euro.
Von 130 Euro. Das sind knapp 10 Prozent. Umsatzsteuer und Einkommensteuer zusammen machen 27,52 Euro. Der Staat hat an dieser Rechnung mehr als doppelt so viel verdient wie ich, und er musste dafür nicht einmal tanken.
Davon lebe ich.
Moment, das ist noch die freundliche Version
Wenn ich diese Rechnung Bekannten vorlege, kommt fast immer derselbe Einwand: Aber Sie schreiben doch viele solcher Rechnungen am Tag! Stimmt. Und genau hier muss ich meine eigene Rechnung korrigieren. Allerdings nicht zu meinen Gunsten.
Denn die 130 Euro bezahlen nicht nur die 20 Minuten am Patienten. Sie bezahlen die Fahrt dorthin und zurück, und die ist bei 150.000 Kilometern im Jahr ein erheblicher Teil meines Arbeitstags. Sie bezahlen die Dokumentation am Abend. Die Telefonate, in denen ich Laborbefunde erkläre. Die Rückfragen am Sonntag. Den Nachweis über jedes abgegebene Tierarzneimittel, den das Gesetz von mir verlangt. Die Buchhaltung, die Steuererklärung, die Bestellungen. Nichts davon taucht als eigener Posten auf einer Rechnung auf.
Die 12,54 Euro sind also nicht der Lohn für 20 Minuten. Sie sind der Lohn für ein deutlich größeres Stück Lebenszeit. Wie groß genau, mag ich an manchen Abenden lieber nicht ausrechnen.
Und dann gibt es noch die Rechnungen, die gar nicht bezahlt werden.
Die erste Rate, wenn sie denn kommt
Diese Szene erlebe ich mehrmals im Jahr. Ein Hund muss operiert werden, nicht irgendwann, sondern jetzt. Die Besitzerin ist verzweifelt, das Geld ist knapp, sie fragt nach Ratenzahlung. Bisher habe ich Ja gesagt, weil der Hund nicht warten kann und weil ich weiß, wie sich diese Angst anfühlt.
Manchmal kommt die erste Rate. Dann nichts mehr. Inzwischen erlebe ich Fälle, in denen nicht einmal die erste kommt.
Bei einer unbezahlten Rechnung über 130 Euro habe ich die rund 78 Euro an Kosten trotzdem gehabt. Das Medikament ist verbraucht, der Diesel verfahren, die Versicherung bezahlt. Um diese 78 Euro wieder hereinzuholen, brauche ich den kompletten Nettoverdienst aus 6 anderen, ordentlich bezahlten Rechnungen. Eine einzige offene Rechnung frisst den Verdienst einer ganzen Reihe von Hausbesuchen.
Deshalb, und damit es niemand missversteht: Ratenzahlung gibt es bei mir ab sofort nicht mehr. Bei Kunden, die ich seit Jahren kenne, ja. Ansonsten nicht. Ich bin Tierärztin, keine Bank.
Ich sage Ihnen, wie es nach meiner Erfahrung in einer Tierklinik aussieht: Tier abgeben, 1.000 Euro sofort, den Rest bei Abholung. Das ist nicht herzlos. Das ist die Antwort auf genau das, was ich hier beschreibe.
Über die Hälfte meiner Kunden hält die Zahlungsfrist nicht ein. Jede davon braucht eine Mahnung. Das kostet Zeit und Porto, und darum kümmert sich mein Mann. Der hat dafür null Geduld. Den allermeisten von Ihnen muss ich das Folgende nicht sagen. Den anderen schon: Was gar nicht bezahlt wird, geht ans Inkasso. Stellt sich heraus, dass jemand schon bei der Auftragserteilung wusste, dass er nicht zahlen kann, erstatten wir Anzeige, denn dann ist das kein Pech mehr, sondern der Verdacht auf Betrug (§ 263 StGB). Und glauben Sie mir: Den Titel holen wir uns. Ein gerichtlich festgestellter Anspruch verjährt erst nach 30 Jahren (§ 197 Abs. 1 Nr. 3 BGB). In einem Fall sind kürzlich aus 600 Euro am Ende 2.500 Euro geworden.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich ärgere mich nicht über Menschen, denen das Geld ausgeht. Das Leben passiert. Ein Jobverlust, eine Trennung, eine Waschmaschine, die genau in dem Monat aufgibt, in dem auch der Hund krank wird. Was mich zermürbt, ist das Schweigen. Und die Menschen, die von Anfang an nie vorhatten zu zahlen.
Warum ich das überhaupt erzähle
Ich schreibe diesen Text nicht, damit Sie Mitleid mit mir haben. Ich habe mir diesen Beruf ausgesucht, und die Arbeit mit den Tieren liebe ich bis heute. Ich schreibe ihn, weil mein Berufsstand müde ist. Und weil diese Müdigkeit Folgen hat, die Sie als Tierhalterin und Tierhalter irgendwann direkt treffen.
Wie müde, zeigen Zahlen, die ich bis heute nicht gleichgültig lesen kann. Man liest oft, Tierärzte hätten die höchste Suizidrate aller Berufe. Für Deutschland lässt sich das so nicht belegen, und das liegt nicht daran, dass es nicht stimmen könnte. Bei Suiziden wird hierzulande der Beruf schlicht nicht erfasst, eine amtliche Statistik nach Berufsgruppen gibt es deshalb nicht (Bund angestellter Tierärzte e.V., 2021).
Was es gibt, ist eine große Befragung, und deren Ergebnis ist deutlich genug. Forscherinnen der Freien Universität Berlin und der Universität Leipzig haben 3.118 Tierärztinnen und Tierärzte untersucht und mit der Allgemeinbevölkerung gleichen Alters verglichen. Aktuelle Suizidgedanken fanden sie bei 19,2 Prozent der Tierärzte, in der Allgemeinbevölkerung bei 5,7 Prozent. Ein erhöhtes Suizidrisiko zeigten 32,1 Prozent gegenüber 6,6 Prozent. Positiv auf eine Depression getestet wurden 27,8 Prozent gegenüber 4,0 Prozent (Schwerdtfeger et al., Veterinary Record, 2020).
Fast jede dritte Tierärztin, fast jeder dritte Tierarzt mit erhöhtem Suizidrisiko. Ich lese diese Zahl seit Jahren, und sie wird nicht leichter.
Dieselbe Arbeitsgruppe hat später nach den Ursachen gesucht. Die wichtigsten Prädiktoren, also die Faktoren, die Depression und Suizidgedanken am besten vorhersagten, waren eine geringe Belohnung und eine hohe Verausgabungsbereitschaft (Schwerdtfeger et al., PLOS ONE, 2024). Die Forscherinnen nutzten dafür ein in der Arbeitsmedizin etabliertes Modell, das sogenannte Modell beruflicher Gratifikationskrisen. Vereinfacht gesagt misst es das Verhältnis zwischen dem, was man in seine Arbeit hineingibt, und dem, was zurückkommt. Mit Belohnung ist dabei nicht nur Geld gemeint, sondern auch Anerkennung und Sicherheit.
Wer viel gibt und wenig zurückbekommt, wird krank. Das ist die Kurzfassung.
Und jetzt legen Sie diese Erkenntnis einmal neben die 12,54 Euro. Neben die erste und einzige Rate. Neben den Dieselpreis. Neben den Satz mit dem Porsche.
Nach meiner Beobachtung ziehen viele Kolleginnen und Kollegen inzwischen ihre eigenen Konsequenzen. Manche wechseln in die Industrie oder zu Behörden, andere reduzieren auf Teilzeit, wieder andere geben die eigene Praxis ganz auf. Für Tierhalter heißt das: weniger Praxen, längere Wege, weniger Kolleginnen und Kollegen, die nachts um drei noch ans Telefon gehen. Niemand von ihnen ist bequem geworden. Sie haben nachgerechnet.
Und weil ich Ihnen Ehrlichkeit versprochen habe: Ich bin keine Ausnahme. Vor Kurzem hat mein Mann mit mir gesprochen, ganz ruhig, ohne Drama. Sein Fazit war kurz. Es lohnt sich schlichtweg nicht mehr. Der Aufwand, die Dokumentationspflichten, der Ärger, der Stress stehen in keinem Verhältnis mehr zu dem, was am Ende übrig bleibt.
Ich habe nicht widersprochen. Das war das Schlimmste an diesem Gespräch.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir keinen Porsche. Der hätte für meine Kühlbox gar keinen Platz, und Dollar würde die Sitze fressen.
Ich wünsche mir, dass sich Arbeit wieder lohnt. Mehr nicht.
Seit der Diesel so teuer ist und ich diese Kosten an niemanden weitergeben darf, ist die Belastung extrem geworden. Dann kommt der Beitragsbescheid. 21,1 Prozent für Kranken- und Pflegeversicherung, berechnet auf meinen Gewinn, allein getragen. Ein höfliches Wort dafür habe ich nicht. Frechheit trifft es.
Von dem, was danach übrig bleibt, gönne ich mir vielleicht eine Flasche Sekt. Auf die zahle ich Schaumweinsteuer, rund 1,02 Euro pro Flasche (§ 2 SchaumwZwStG). Eingeführt wurde sie 1902, um die kaiserliche Kriegsflotte zu bezahlen (Steuertipps.de, Statistisches zur Sektsteuer). Die Flotte hat sich 1919 in Scapa Flow selbst versenkt. Die Steuer wurde 1933 abgeschafft und 1939 als Kriegszuschlag zurückgeholt (Steuerschroeder.de, Schaumweinsteuer). Sie blieb, 2022 brachte sie rund 352 Millionen Euro (Steuertipps.de). Ich stoße also, genau genommen, auf eine Flotte an, die es seit über 100 Jahren nicht mehr gibt. Prost.
Im Supermarkt geht es weiter. Tabaksteuer, Kaffeesteuer, eine Abgabe auf Einwegplastik, die Hersteller seit 2024 in einen Fonds beim Umweltbundesamt zahlen und die natürlich im Preis landet (Einwegkunststofffondsgesetz, 2023). Und weil das offenbar noch nicht reicht, hat das Bundeskabinett am 14. Oktober 2026 eine Zuckersteuer beschlossen: ab Juli 2027 je nach Zuckergehalt 26 oder 32 Cent pro Liter Limonade (ZDF, 2026). Bezahlen werden das, wie immer, Sie an der Kasse.
Wer stirbt, wird auch noch besteuert, jedenfalls über die Erben. Selbst der Tod ist in Deutschland ein steuerpflichtiger Vorgang.
Und dann die Hundesteuer. Hundehalter zahlen sie an ihre Gemeinde, zweckgebunden ist sie nicht. Kein Cent davon muss ins Tierheim fließen (Stiftung Warentest, FAQ Hundesteuer). Gleichzeitig hatten in einer Umfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland unter 85 Tierheimen 80 Prozent eine Warteliste oder einen Aufnahmestopp für Hunde, 60 Prozent für Katzen. Die Verträge mit den Kommunen decken die Kosten für Fundtiere oft nicht einmal (beides zitiert nach dpa, 2024). Die Tierheime leben am Limit. Die Hundesteuer lebt prächtig.
Man könnte die Hundesteuer ja einfach dorthin geben, wo die Hunde landen. Oder beim eigenen Apparat sparen statt bei denen, die den Tierschutz Tag für Tag mit Ehrenamt und Spenden am Laufen halten. Gibt es überhaupt noch etwas, das unsere Politik richtig macht? Ich habe gesucht. Ernsthaft. Ich suche noch.
Und wenn Sie mich das nächste Mal aus meinem Auto steigen sehen: Es ist kein Porsche. Es ist ein Diesel mit sehr vielen Kilometern auf der Uhr, einer Kühlbox im Kofferraum und einem ziemlich neuen Außenspiegel.
Das Gespräch mit meinem Mann hat mich nachdenklich gemacht. Und es hat mich zu einem Schluss geführt, den ich nicht gern aufschreibe. In diesem Land lohnt sich eines nicht mehr: ehrliche Arbeit.