Über den Moment, in dem Liebe zu Leid wird. Warum der schwerste Abschied oft der ist, den man zu lange aufschiebt.

Es ist Freitagabend, kurz vor halb zwölf. Mein Telefon klingelt. Ich sehe die Nummer nicht, ich schlafe bereits. Am nächsten Morgen höre ich die Nachricht auf der Mailbox. Eine Frauenstimme, atemlos, weinend. Im Hintergrund ein Hund, der schreit. Nicht bellt. Schreit. Sie sagt: „Frau Doktor, bitte, Luna bricht gerade zusammen, sie krampft, sie blutet aus dem Maul, bitte rufen Sie zurück, bitte, bitte.“

Ich kenne Luna. Eine zwölfjährige Golden-Retriever-Hündin mit einem Milztumor, den wir vor drei Monaten im Ultraschall gefunden haben. Ich hatte der Besitzerin damals erklärt, was das bedeutet. Dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Hämangiosarkom handelt, einen der aggressivsten Tumoren beim Hund. Dass dieser Tumor irgendwann rupturieren würde, aufreißen, in die Bauchhöhle bluten. Dass Luna dann innerhalb von Minuten in einen hämorrhagischen Schock geraten würde. Ich hatte gesagt: Wir sollten über den richtigen Zeitpunkt sprechen. Die Besitzerin hatte genickt und gesagt: „Noch nicht. Sie hat doch noch gute Tage.“

Drei Monate später ist es Freitagabend, 23:20 Uhr. Luna stirbt.

Die Besitzerin hat den tierärztlichen Notdienst angerufen. Besetzt. Sie hat die Tierklinik in München angerufen. Wartezeit: mindestens eine Stunde. Sie hat Luna ins Auto gehoben, eine Hündin mit über dreißig Kilo, die krampft und blutet und vor Schmerz um sich beißt. Sie ist losgefahren. Auf der A95, nachts, allein, mit einem sterbenden Tier auf der Rückbank.

Luna war tot, als sie in der Klinik ankam.

Ich erzähle das nicht, um jemandem Vorwürfe zu machen. Ich erzähle es, weil es passiert. Nicht selten. Nicht als Ausnahme. Es passiert regelmäßig. Und es passiert, weil wir als Gesellschaft über einen bestimmten Moment nicht reden wollen: den Moment, in dem Liebe loslassen muss.

Warum wir warten, obwohl wir wissen

Ich verstehe es. Ich verstehe es zutiefst, weil ich selbst Hunde halte und weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn jemand zu einem sagt: Die Prognose ist infaust. Unheilbar. Es wird nicht besser.

Der erste Impuls ist: Nein. Nicht jetzt. Nicht heute. Morgen vielleicht, nächste Woche, wenn es wirklich schlimm wird. Noch frisst er doch. Noch wedelt sie mit dem Schwanz, wenn ich nach Hause komme. Noch gibt es diese Momente, in denen alles fast normal wirkt.

Und genau hier liegt das Problem. Wir warten auf den Moment, in dem es „wirklich schlimm“ wird. Wir warten auf das eindeutige Zeichen, das uns die Entscheidung abnimmt. Wir wollen, dass das Tier uns zeigt, dass es so weit ist. Aber Hunde zeigen es nicht so, wie wir es uns wünschen. Hunde schreien nicht: Ich kann nicht mehr. Hunde rufen keinen Arzt. Hunde kompensieren. Bis sie nicht mehr können. Und wenn sie nicht mehr können, dann ist es nicht ein sanftes Einschlafen auf dem Hundekissen. Dann ist es ein Krampfanfall auf dem Küchenboden um elf Uhr nachts.

Dieser Moment, auf den viele warten, ist kein würdevoller Abschied. Es ist ein Notfall. Und im Notfall gibt es keinen Abschied. Es gibt Panik, Hilflosigkeit, Schmerz, das Auto, die Autobahn, die Klinik, das Warten, die fremden Hände, das Neonlicht.

Was passiert, wenn ein Tier „von alleine“ stirbt

Viele Tierhalter wünschen sich, dass ihr Hund zu Hause „friedlich einschläft“. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das häufig so verläuft. Aber das wäre eine Lüge.

Ein Hund mit Nierenversagen stirbt nicht friedlich. Er vergiftet innerlich. Die Toxine, die seine Nieren nicht mehr ausscheiden können, reichern sich im Blut an. Urämie heißt das. Es führt zu Übelkeit, Erbrechen, Orientierungslosigkeit, Muskelzuckungen, Krampfanfällen. Der Hund erbricht braune Flüssigkeit, die nach Ammoniak riecht. Er liegt in seinem eigenen Urin, weil seine Blase nicht mehr kontrollierbar ist. Dieser Prozess kann Tage dauern.

Ein Hund mit einem Milztumor, der rupturiert, verblutet in die eigene Bauchhöhle. Der Blutdruck fällt, das Herz rast, die Schleimhäute werden weiß. Der Hund kollapst, steht vielleicht noch einmal auf, kollapst wieder. Er hechelt, er zittert, er sucht Blickkontakt mit seinem Menschen und versteht nicht, warum niemand hilft. Die Zeitspanne zwischen Ruptur und Tod kann zwanzig Minuten betragen. Oder zwei Stunden. Und jede einzelne Minute davon ist qualvoll.

Ein Hund mit einem Hirntumor, der Anfallsserien entwickelt, liegt auf der Seite, rudert mit den Beinen, verliert Harn und Kot, beißt sich auf die Zunge, schreit vielleicht. Ein einzelner Anfall dauert ein bis drei Minuten. In einem Status epilepticus hören die Anfälle nicht auf. Das Gehirn überhitzt. Der Hund kann daran sterben, aber der Tod ist nicht gnädig, er ist gewaltsam.

Ich beschreibe das nicht, um Ihnen Angst zu machen. Ich beschreibe es, weil ich will, dass Sie es wissen. Weil die Vorstellung vom friedlichen Einschlafen zu Hause in vielen Fällen nicht der Realität entspricht. Und weil diese Vorstellung dazu führt, dass Menschen zu lange warten, in der Hoffnung auf einen sanften Abschied, der nicht kommt. Die Veterinäronkologin Alice Villalobos, die das Pawspice-Programm für todkranke Tiere begründet hat, hat es so formuliert: Nicht alle sterbenden Tiere können friedlich zu Hause sterben. Manche geraten in schwere Atemnot, werden agonal, krampfen. Familien, die das erleben, werden von diesen Erinnerungen über Jahre verfolgt (Villalobos, Quality of Life to the End of Life, 2011).

Es gibt noch etwas, worüber fast niemand spricht, weil es uns peinlich ist: die Würde. Ein Hund, der sich nicht mehr selbständig lösen kann und in seinem eigenen Kot liegt. Ein Hund, dessen Wunden nässen und der nach Verwesung riecht, obwohl er noch lebt. Ein Hund, der nicht mehr aufstehen kann und Druckstellen bekommt, weil er seit Tagen auf derselben Seite liegt. Das sind keine Randphänomene, das ist der Alltag sterbender Tiere, deren Halter den Moment nicht loslassen können. Und bei aller Liebe, die in der Pflege steckt: Es ist nicht das, was dieses Tier verdient hat. Nicht nach zwölf Jahren Treue.

Freitagnacht, und kein Tierarzt geht ans Telefon

Und dann ist da die Realität der tierärztlichen Versorgung. Ich bin mobile Tierärztin. Ich mache Hausbesuche. Ich bin für meine Patienten da, und ich bin es gerne. Aber ich bin auch ein Mensch. Um 23:20 Uhr am Freitagabend schlafe ich. Meine Kolleginnen und Kollegen in den umliegenden Praxen schlafen. Wir haben am Samstag um acht Uhr die nächsten Patienten, wir haben eine Woche hinter uns mit zwölf, dreizehn Arbeitsstunden pro Tag, und wir müssen irgendwann schlafen, weil wir sonst Fehler machen, die Tiere das Leben kosten.

Wenn ich am nächsten Morgen die Mailbox abhöre und Lunas Geschichte rekonstruiere, geht es mir schlecht. Nicht weil ich ein schlechtes Gewissen habe, dass ich geschlafen habe. Sondern weil ich weiß: Das hätte nicht so enden müssen. Wir hatten drei Monate. Drei Monate, in denen wir über den Abschied hätten sprechen können. In denen wir einen Termin hätten finden können, an einem ruhigen Nachmittag, zu Hause, auf Lunas Lieblingsdecke, mit ihrer Familie um sie herum. In Ruhe. In Würde. Ohne Panik. Ohne Autobahn.

Stattdessen stirbt Luna auf der Rückbank eines Autos, allein, weil ihre Besitzerin sich auf den Verkehr konzentrieren muss und nicht gleichzeitig lenken und halten kann. Das ist nicht der Tod, den irgendjemand sich wünscht. Nicht für sein Tier. Nicht für sich selbst.

Und ich sage das ohne jede Anklage gegenüber der Besitzerin. Diese Frau hat Luna geliebt. Mehr als alles. Genau deshalb konnte sie nicht loslassen. Genau deshalb hat sie gehofft, dass es vielleicht doch noch Wochen werden, vielleicht Monate, vielleicht ein Wunder. Aber die Liebe zu einem Tier bedeutet manchmal, eine Entscheidung zu treffen, die einem das Herz bricht, damit dem Tier das Herz nicht bei vollem Bewusstsein zerrissen wird.

Woran Sie erkennen können, dass die Zeit gekommen ist

Es gibt keinen Rechner, in den Sie drei Werte eingeben und der Ihnen sagt: Heute. Aber es gibt Orientierungshilfen, die besser sind als Hoffnung.

Die HHHHHMM-Skala, entwickelt von Alice Villalobos, fragt sieben Bereiche ab: Schmerz (Hurt), Hunger, Flüssigkeitszufuhr (Hydration), Hygiene, Glück (Happiness), Mobilität und die entscheidende Frage: Gibt es mehr gute als schlechte Tage? Jeder Bereich wird von null bis zehn bewertet. Ein Gesamtwert über 35 spricht für eine noch vertretbare Lebensqualität. Darunter wird es kritisch (Villalobos, Canine and Feline Geriatric Oncology, Blackwell Publishing, 2007).

Was mir in der Praxis am meisten hilft, ist ein Kalender. Ich bitte Tierhalter, jeden Tag eine kurze Notiz zu machen. Ein Smiley für einen guten Tag, eine Träne für einen schlechten. Kein Aufsatz, keine Details. Nur: War heute ein guter oder ein schlechter Tag? Nach zwei, drei Wochen schauen wir zusammen drauf. Und meistens sehen die Halter dann selbst, was sie im Alltag nicht sehen wollten: Die guten Tage werden weniger. Die schlechten Tage nehmen zu. Und irgendwann ist die Seite voller Tränen und die Smileys lassen sich an einer Hand abzählen.

Das ist der Moment. Nicht erst der Moment danach.

Zwei Arten von Trauer

In über zwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich mit Hunderten von Familien den Abschied von ihrem Tier erlebt. Und ich habe dabei etwas beobachtet, das ich für eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Berufslebens halte: Es gibt zwei Arten von Trauer nach einer Euthanasie. Und sie fühlen sich grundlegend verschieden an.

Die erste Art ist die Trauer derer, die rechtzeitig entschieden haben. Diese Tierhalter weinen. Sie trauern tief und aufrichtig. Aber wenn ich sie Wochen später spreche, sagen fast alle dasselbe: „Es war schrecklich. Aber es war richtig. Er hat nicht gelitten. Wir waren bei ihm. Er war ruhig.“ Diese Trauer ist sauber. Sie tut weh, aber sie heilt.

Die zweite Art ist die Trauer derer, die zu lange gewartet haben. Diese Tierhalter weinen auch. Aber ihre Trauer ist vergiftet. Vergiftet von Schuldgefühlen, von den Bildern der letzten Stunden, von dem Wissen, dass es nicht so hätte sein müssen. Sie sagen Dinge wie: „Ich werde mir nie verzeihen, dass ich ihn so habe leiden lassen.“ Oder: „Das Letzte, was er von mir gesehen hat, war mein panisches Gesicht auf der Autobahn.“ Diese Trauer heilt nicht so leicht. Sie trägt eine Last, die über den normalen Abschiedsschmerz hinausgeht.

Ich sage Ihnen das nicht, um Druck zu machen. Ich sage es, weil ich in all den Jahren noch nie einen Tierhalter erlebt habe, der sagte: „Ich habe meinen Hund zu früh erlöst.“ Nicht ein einziges Mal. Was ich oft höre, immer wieder, ist: „Ich hätte es früher tun sollen.“ Wenn der Fehler fast immer in dieselbe Richtung geht, dann sollte uns das zu denken geben.

Und es gibt noch eine dritte Seite, über die selten gesprochen wird: Was das Warten dem Rest der Familie antut. Die Kinder, die nachts wach werden, weil der Hund schreit. Der Partner, der morgens die Handtücher wäscht, weil der Hund sich wieder nicht halten konnte. Die ältere Mutter, die jeden Tag mitansieht, wie ein Tier, das sie seit zwölf Jahren begleitet, langsam zerfällt. Auch das ist ein Preis, den man zahlt, wenn man wartet. Nicht nur das Tier leidet. Alle leiden.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir, dass wir über dieses Thema reden, bevor es so weit ist. Nicht wenn der Hund bereits krampft, sondern wenn er noch auf seiner Decke liegt und manchmal noch ein bisschen mit dem Schwanz wedelt. Ich wünsche mir, dass Tierhalter ihren Tierarzt fragen: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Nicht als theoretische Frage irgendwann mal, sondern konkret, mit Kalender in der Hand, mit dem Befund auf dem Tisch.

Ich wünsche mir, dass niemand seinem Tier zumutet, was Luna durchgemacht hat. Einen Tod im Auto, auf der Autobahn, in Panik, in Schmerz, umgeben von Angst statt von Geborgenheit.

Ich wünsche mir, dass Tierhalter verstehen, dass die Euthanasie nicht das Schlimmste ist, was einem Tier passieren kann. Das Schlimmste ist, zu spät zu kommen. Das Schlimmste ist, dem Tier Tage oder Wochen des Leidens aufzuerlegen, weil man selbst den Schmerz des Abschieds noch nicht ertragen kann.

Und ich wünsche mir, dass niemand seiner Tierärztin böse ist, weil sie um 23 Uhr nicht ans Telefon geht. Nicht weil sie das Tier nicht liebt. Sondern weil dieser Anruf nicht hätte nötig sein müssen.

Der Abschied, den Ihr Tier verdient

Ich mache Hausbesuche. Auch für den letzten. Gerade für den letzten.

Wenn ein Tier in meiner Praxis eine infauste Diagnose hat, spreche ich mit den Besitzern offen darüber, was auf sie zukommt. Nicht weil ich die Hoffnung nehmen will, sondern weil ich ihnen die Möglichkeit geben möchte, vorbereitet zu sein. Wir besprechen, was passieren kann, wenn der Tumor wächst, wenn die Nieren versagen, wenn die Kraft nachlässt. Und wir besprechen, wie ein guter Abschied aussehen kann.

Ein guter Abschied sieht so aus: Der Hund liegt auf seiner Decke, zu Hause, in dem Raum, den er kennt. Die Familie ist da. Vielleicht hat er vorher noch ein Stück Leberwurst bekommen oder eine Scheibe Schinken, irgendetwas, das er immer wollte und selten durfte. Er spürt die Hände, die ihn streicheln. Er hört die Stimmen, die er kennt. Ich setze eine leichte Sedierung, er wird müde, entspannt sich. Dann die eigentliche Injektion. Er schläft ein. Kein Schmerz. Kein Krampf. Kein Schreien. Keine Autobahn.

Das ist kein schöner Moment. Es wird nie ein schöner Moment sein. Aber es ist ein würdiger Moment. Und es ist der letzte Dienst, den Sie Ihrem Tier erweisen können: die Entscheidung zu treffen, bevor das Tier sie für Sie trifft.

Für Luna. Und für alle, die noch Zeit haben.

Lunas Besitzerin hat mich eine Woche später angerufen. Sie hat geweint. Sie hat gesagt: „Ich hätte auf Sie hören sollen. Ich wusste es. Ich wusste, dass es so kommen würde. Ich konnte nur nicht.“

Ich habe ihr gesagt, dass ich sie verstehe. Und ich habe es so gemeint.

Aber ich schreibe diesen Text, damit der nächste Tierhalter, der vor dieser Entscheidung steht, vielleicht doch kann. Nicht für sich selbst. Für sein Tier.

Wenn Sie spüren, dass die Zeit knapp wird, wenn Ihr Tierarzt Ihnen gesagt hat, dass die Prognose schlecht ist, wenn die guten Tage weniger werden, dann warten Sie nicht auf Freitagabend. Rufen Sie mich an. Rufen Sie Ihren Tierarzt an. Tagsüber. An einem Dienstag. An einem Donnerstagnachmittag. Dann, wenn wir da sind, wenn wir helfen können, wenn wir Ihrem Tier den Abschied ermöglichen können, den es verdient.

Meine Praxis befindet sich in der Enzianstraße 4a in Starnberg. Ich komme zu Ihnen nach Hause. Und ich verspreche Ihnen: Wir machen das gemeinsam. In Ruhe. In Würde. Bevor es zu spät ist.

Dr. med. vet. Maria-Louise Morgott, mobile Tierärztin, Landkreis Starnberg